images
Kurzgeschichten

Tage und Wochen

 

veröffentlicht in:

FEDERWELT Februar/März 2014
Zeitschrift für Autorinnen und Autoren
FEDERWELT-Jurypreis 2013

veröffentlicht auf:

http://www.zuendeln.de/?p=3542

Publikumspreis des 18. Münchner
Kurzgeschichtenwettbewerbs
 

Es rast, es rast jedes Mal. Wie verrückt. Es rast mein winziges Herz. Die Intervalle sind beinahe gleichbleibend lang. Brauche lange, um mich zu beruhigen, schaffe es nicht einmal. Die nächste Welle trifft vehement meinen kleinen Körper, strömt durch meine Adern, lässt mein Blut pulsieren. Sie braucht sie, die Zigarette. Auch den Alkohol. Drehe mich leicht, schwereloses Treiben. Hier in ihr ist es warm und dunkel. Sie bewegt sich. Warte auf den nächsten Schluck. Vielleicht bleibe ich für immer hier in ihrem Bauch. Trinke mit ihr. Bleibe immer winzig. Die Stimmen sind laut, aggressiv. Nehme mein Däumchen in den Mund. Es beruhigt mich. Hier bin ich sicher, auch wenn sie nach einem heftigen Schlag zu Boden geht. Das Fruchtwasser federt mich ab. Wie ein Dotter ruhe ich in ihr, in einer leichten Woge. Wenn sie aufsteht, sich das Blut abgewaschen hat, trinkt sie wieder. Er ist da, kann ihn hören. Gedämpft und dennoch laut. Sein Gebrüll stresst meinen kleinen Körper, es dringt durch sie hindurch bis in meine tiefste Faser... 

 

 

LDE-Rita

Beerdigung im Winter

 

veröffentlicht in:

Der Tod kommt leise
aus der Reihe:Längs der Ems und quer zur Hase 
Machandel Verlag 2013

Unterdrückt wurden sie, die Frauen damals, hatten nichts zu melden. Der Ehemann gab den Ton an.
Trennung? Scheidung?
So etwas gab es nicht. Wozu auch, da mussten sie durch, die Frauen. Aushalten bis zum Schluss, trotz Ausbeutung und ständigem geschwängert werden. Auch wenn sie misshandelt wurden. Ganz normal damals. Manche machten sich mit dem Sensemann davon, so bei der vierten oder fünften Geburt. Und tschüss! So war das damals, zu Omas Zeiten. 
Oma hat nie viel von sich erzählt. Früher nicht, und heute erst recht nicht. Oma Selma hat Demenz. Meine Eltern haben alles geregelt. Allein in ihrem alten Haus ging es nicht mehr. Es ist ja auch genug Geld da für einen Platz im Altenheim. Okay, ich muss zugeben, meine Eltern hatten recht. Es ging tatsächlich nicht mehr. Oma Selma kam nicht mehr klar. Krempel und Dreck, Dreck und Krempel und alles mit diesem Dunst von Urin, der in der Luft hängt.
Der Immobilienfritze wird sich freuen, der war ja schon lange auf Omas Villa scharf. So ein Altenheim kostet natürlich. Da reicht Omas Rente bei weitem nicht. Da muss erst Haus und Hof über die Wupper sagt mein Vater.
War schon seltsam alles auszuräumen. Na ja, Oma hat das Haus ziemlich verkommen lassen, so die letzten Monate. Sie hat nichts mehr auf den Schirm gekriegt. Zu wenig gegessen, zu wenig getrunken, den Pflegedienst nicht rein gelassen. Sie hat die Tabletten vertauscht, Brotscheiben unter dem Teppich versteckt und die dreckige und nasse Wäsche meterhoch in der Badewanne gestapelt. Wir haben allerhand gefunden beim Ausräumen. Sparbücher, Bargeld, Schmuck. Das Allerbeste liegt jetzt hier in meinem Zimmer. Meine Mutter hatte es mit einem Stapel alter Bücher in den Container gepfeffert. Ich hab es gerettet, das Allerbeste...

 

LDE-Rita

Hellblauer Waggon

 

veröffentlicht in:

Der Tod kommt leise
aus der Reihe:Längs der Ems und quer zur Hase 
Machandel Verlag 2013

Hinter der niedrigen Betonwand war Filiz vor dem Wind geschützt. Sie war nicht schön, diese Wand, mit Farbe beschmiert und mit Kaugummi gespickt. Aber gut gegen den Wind. Er trieb die ersten Herbstblätter durch die Fußgängerzone, genauso wie die Menschen, die geschäftig bunte Tüten mit sich herumschleppten. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Es war ein Glücksfall, dass sie diese Stelle gefunden hatten, Norman und Filiz. Direkt im Zentrum, dennoch vor neugierigen Passanten verborgen in einem Durchgang zum Parkplatz. Filiz blickte hinauf auf den Dachüberstand, der sich breit ausladend und holzvertäfelt über die Passage neigte. Nur wenn der Wind sehr stark, der Regen äußerst heftig war, dann bekamen sie unten ein paar Tropfen ab. Hin und wieder durchquerte jemand die Passage, jemand, den man um ein paar Cent anpumpen konnte. Die Decke war doppelt gelegt, das war besser gegen die Kälte, die von unten hinaufzog. Filiz hatte die alte Decke genommen, die mit den Löchern. Seit vielen Monaten kamen sie hierher, um zu arbeiten, jeden Tag, außer Sonntags. Es war Arbeit, es war schon anstrengend und nervig jeden Tag ein wenig Geld zusammen zu betteln. Tequila und Sunrise lagen nebeneinander auf der Decke, die Köpfe auf die Pfoten gesenkt, dennoch aufmerksam jede Bewegung im Blick. Ihr Fell war sauber und sorgfältig gestriegelt. Filiz warf einen Blick in den Pappbecher. Er hatte einen kleinen Riss. Nicht lang, noch konnte sie ihn benutzen. Die zwei Euro, die eine alte Dame ihr gegeben hatte, steckten sicher in der Tasche ihrer abgewetzten Jacke. Der Silberglanz erweckte schnell den Eindruck, es sei mehr als genug im Becher, Geld fürs Nichtstun. Geld fürs Gammeln und Rumhängen. Die paar Cent, die noch im Becher lagen, bedeckten nicht einmal den Boden. Die Salbe kostete mehr als acht Euro. Filiz hatte schon in vier Apotheken gefragt, ob sie sie ausnahmsweise billiger bekommen könne. Das ging natürlich nicht. Den zweiten Tag saß sie jetzt schon ohne Norman hier, das war ätzend. Sie brauchte die Salbe. Salbe für Normans Fuß. Filiz trank einen Schluck aus der Wasserflasche gegen den Durst und einen gegen die Kälte, einen Schluck Schnaps. Die Flasche war fast leer, ohne Norman würde sie Probleme haben, eine neue zu bekommen, sie war ja erst fünfzehn. Dass sie sich gut auskannte mit Schnaps und nicht über die Stränge schlug interessierte nicht. Na ja, den ein oder anderen Absturz hatte es schon gegeben, aber es hielt sich in Grenzen. Der Rest musste jetzt jedenfalls für Norman bleiben, Schluss mit Schluck, für Norman, gegen seine Schmerzen...

[Janaczek-Kreativ] [Autorin] [Krimi] [Kurzgeschichten] [Lyrik] [Buchmesse] [Literaturpreis] [Impressum]