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Schon als Kind habe ich Bildergeschichten gemalt.

Als Jugendliche habe ich meiner Freundin auf langen Spaziergängen Geschichten erzählt.

Als Erwachsene habe ich begonnen zu schreiben ... fĂĽr die Schublade.

Inzwischen habe ich zwei Kriminalromane vollendet ... zu schade fĂĽr die Schublade!

Rita Maria Janaczek

Das Klavier, die Stimme und der Tod

Kriminalroman            Machandel-Verlag       Charlotte Erpenbeck  HaselĂĽnne

ISBN 13    978-3-939727-00-2

London im März 1991. In einem einsam gelegenen Haus in Kingston wird die Leiche einer Frau mit zugenähtem Mund gefunden. Augenblicklich drängen sich den Ermittlern von Scotland Yard Parallelen zu einem längst vergangen Fall auf, der fast zwei Jahre zuvor ungelöst zu den Akten gelegt wurde. Sergeant Beverly Evans, ihre Vorgesetzten und Kollegen verfolgen schon bald zwei heiße Spuren, die sie nach Birmingham und West Bromwich führen. Doch ebenso schnell geraten die Ermittlungen ins Stocken. Scotland Yard beauftragt den jungen Psychologen Daniel Fleming, das Team bei der Suche nach dem Täter zu unterstützen, und Beverly entwickelt mehr als nur berufliches Interesse für diesen Mann. Dann überschlagen sich die Ereignisse und Beverly gerät in einen Strudel, der sie sowohl dienstlich, als auch privat an die Grenzen ihrer emotionalen Belastbarkeit bringt.

Rita Maria Janaczek

Der Fluss, die Steine und der Tod

Kriminalroman            Machandel-Verlag       Charlotte Erpenbeck  HaselĂĽnne

ISBN 13    978-3-939727-06-4

London im März 1992. Die Leiche eines Jungen und ein abgetrennter Arm werden aus der Themse geborgen. Die Ermittler von Scotland Yard glauben zunächst an einen Serienkiller und befürchten, dass er bereits sein nächstes Opfer ins Visier genommen hat. Doch als tatsächlich ein weiteres Kind stirbt müssen Sergeant Beverly Evans und das Team um Inspektor Sands erkennen, welch perfide Verstrickungen hinter dem Tod der Kinder stehen. Während Beverlys private Probleme immer mehr aus dem Ruder laufen, wird die berufliche Zusammenarbeit mit dem Leiter eines zweiten Teams zur Zerreißprobe. Und als ein weiteres Kind verschwindet beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Leseprobe

Das Klavier, die Stimme und der Tod

                                                                             Dienstag, 5. März

 

Der Londoner Abendhimmel war wolkenschwer, ein schmaler dunkelblauer Streifen zog sich am entfernten Horizont entlang, zerrissen vom Wind. Er ließ erahnen, dass es auch ohne den verhangenen Himmel schon dämmerte. Die andauernden Regenschauer hatten eine schwere, kalte Feuchtigkeit in der Luft hinterlassen.

Im Londoner Bezirk Kingston, an der Grenze zum Richmond Park, wurde ein kleines Haus von unzähligen Fahrzeugen und Polizeiwagen belagert. Dort waren Strahler positioniert, das Haus warf einen riesigen Schatten auf die Bäume, die sich gespenstisch bewegten.

Als Sergeant Beverly Evans aus ihrem Wagen stieg hatte es gerade aufgehört zu regnen. Sie war definitiv zu spät dran. Sie hob das Absperrband, schlüpfte darunter durch. Der Tatort war weiträumig abgesperrt wie damals, vor zwanzig Monaten. Diesmal jedoch gab es keine Heerscharen von Schaulustigen, die sich an die Absperrung drängten. Das Haus lag einsam, und bei diesem Wetter ging niemand ohne zwingenden Grund auf die Straße. Nass, kalt, dunkel, einfach widerlich. Beverly bemerkte ihren Atem, der weiß in der Luft hing, während sie versuchte den alten Fall zu rekapitulieren. Damals geschah es im August. Beverly erinnerte sich an die quälende Hitze, daran, dass sie und ihre Kollegen die Wohnung nicht ohne Mundschutz hatten betreten können. Sie versuchte den Gedanken daran, was die Anwältin Laurie Hardin in den letzten Minuten ihres Lebens empfunden haben mochte, beiseite zu schieben. Beverly hatte, genau wie ihre Kollegen, bis zum heutigen Abend geglaubt, dass es sich um einen bizarren Einzelfall handelte, dennoch das Werk eines Psychopaten. Der Anruf ihres Vorgesetzten hatte sie eines Besseren belehrt.

„Verdammt, der Mord trägt die gleiche Handschrift, wie vor zwanzig Monaten“, hatte Superintendent Whitefield ins Telefon geraunzt, „ich wette, dass wir es mit dem selben Täter zu tun haben. Kommen Sie sofort, Evans, sofort! Ist das klar?“

Es war also nicht vorbei!

Die Fotografen der Spurensicherung kamen Beverly mit der schweren Ausrüstung entgegen. Sie hatten ihre Arbeit vor Ort erledigt. Sie grüßten erschöpft, als sie an ihr vorbeikamen.

Beverly war kein alter Hase bei Scotland Yard, dazu war sie mit ihren neunundzwanzig Jahren zu jung, doch sie hatte sich bereits einen Namen gemacht. Zugetraut hatte ihr das anfangs niemand. Sie war klein, schmal und wirkte zerbrechlich.

„Ich weiß, was Sie denken“, hatte sie vor fast vier Jahren ihre männlichen Kollegen mit fester Stimme begrüßt, „aber sie irren sich. Ich habe nicht vor, halbherzige Arbeit zu leisten; Wenn ich schieße treffe ich meistens. Ich erwarte nicht, dass mir irgendjemand die Tür aufhält. Ich habe auch nicht die Absicht, mir in irgendwelchen Betten irgendeinen Dienstgrad zu erschlafen. Ich bin Beverly Evans und ich freue mich auf meinen Job hier.“

Das hohe Gras war nass. Der Boden unter ihren Füßen schmatzte matschig. Nach wenigen Schritten spürte sie, wie die Feuchtigkeit kalt durch das Leder der Schuhe an ihre Füße drang. Allister Whitefield kam ihr entgegen. Seine helle Wildlederjacke wirkte fleckig im grellen Licht der Scheinwerfer. Seine grauen Haare waren nass, das runde Gesicht war gerötet. Sein Atem ging schnaufend, die wässrigen Augen flackerten nervös. „Verdammt Evans, ich hab schon gedacht, Sie kommen gar nicht mehr.“ Er wischte sich über die Stirn, blickte sich kurz um. „Die Techniker sind mit den Fotos durch, die Spurensicherung war schon im Schlafzimmer. Einige sind noch oben. Sie sehen ja, ... der Rest der Mannschaft friert hier draußen. Alles Weitere zeig ich Ihnen. ... Stanton und Sands sind drüben.“ Er schlug seinen Kragen hoch. „Ich will, dass alle, die den Mord an Laurie Hardin untersucht haben, sich hier reinhängen. Wenn uns dieser Kerl wieder entkommt ... verdammt, das darf nicht passieren. .. darf es einfach nicht, verstanden?“

Alle! Es versetzte Beverly einen Stich. Alle außer Edward. Sie strich sich eine kupferrote Haarsträhne aus dem blassen Gesicht. Er war im letzten Jahr an einem Herzinfarkt gestorben, völlig unerwartet, mitten auf der Straße, an einem kalten Tag im Februar. Frau, vier Kinder, Schulden, die aufreibende Arbeit und eine Geliebte, das war einfach zu viel für sein Herz. Sie hatte als Kollegin an seinem Grab gestanden. Sein Tod hatte das beendet, was sie nicht hatte beenden können. Edwards Frau hatte nie etwas geahnt. Beverly hasste diese Gedanken, die sie immer wieder an diese unglückselige Affäre fesselten.

„Auch Miller?“, hakte sie nach. Bitte nicht Miller!

„Ja. Er sitzt zwar noch mit Brown an einem anderen Fall“, brummte Whitefield, „aber Hays übernimmt ab Morgen für ihn.“

Sie gingen nebeneinander auf das Haus zu, ein kleiner Backsteinbau. Efeu rankte um die Fenster, Blumentöpfe aus Ton standen auf der kleinen Treppe. Sie waren nicht bepflanzt, es war noch zu kalt für Frühlingsblumen.

„Lebte sie allein?“ fragte Beverly gedämpft.

Whitefield räusperte sich. „Ja, hat sie wohl. Ich denk auch, dass sie den Täter rein gelassen hat, keine Einbruchspuren.“

„Vielleicht hatte sie vergessen abzusperren“, überlegte Beverly, „wurde was gestohlen?“

„Wie’s aussieht nicht, wie beim letzten Mal. Es ist ein Haufen Geld im Haus. Es sieht nicht nach Diebstahl aus, überhaupt nicht.“

 â€žJa“, sinnierte Beverly, „es geht um etwas anderes.“

„Und es gibt ein Riesenproblem“, Withefield atmete hörbar ein, „die verdammte Presse war wieder vor uns da. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. O’Brian wird im Rechteck springen.“Beverly seufzte Die Presse hatte ihnen im Fall Laurie Hardin wochenlang zugesetzt.Der Druck war täglich gewachsen, denn die Gazetten hatten von Schlamperei und Unfähigkeit gesprochen, die Nerven der Ermittler hatten blank gelegen. Erst als die Akte Hardin als ungelöster Fall nach nicht einmal vier Monaten von der Staatsanwaltschaft geschlossen wurde, war wieder Ruhe eingekehrt.

Sheila Moreno stand auf dem Türschild. Beverly und der Superintendent zogen die weißen Kunststoffanzüge über, Plastikbezüge über ihre Schuhe und betraten den schmalen Flur. Es war warm. Der Duft von Bienenwachskerzen lag in der Luft. Der Boden aus Eichendielen knarrte leise. Sie schoben sich an den Leuten der Spurensicherung vorbei, die gerade damit beschäftigt waren, die Garderobe einzustäuben, und zogen die Handschuhe über.

„Sie liegt im Bett“, sagte Whitefield.

Beverly trat in das Schlafzimmer, der Superintendent folgte ihr.

Sie begrĂĽĂźte die beiden Männer, die an der Fensterbank lehnten. Sergeant Bill Stanton war Junggeselle, ein blasser, hagerer Mann, knapp ĂĽber dreiĂźig. Seine wilden blonden Locken standen ihm wirr um den Kopf, was ihn immer ein wenig jungenhaft wirken lieĂź. Whitefield schätzte Stantons Verstand und seinen versierten Umgang mit den neuesten Computerprogrammen. Inspektor Harold Sands war fast zehn Jahre älter und einen halben Kopf  größer als Stanton, dunkelhaarig, mit graumelierten Schläfen. Niemand im Yard kombinierte so scharfsinnig wie er, niemand fuhr so lässig Auto, und niemand sonst sah so unverschämt gut aus. Selbst der weiĂźe Kunststoff, in dem er jetzt steckte, tat seiner Ausstrahlung keinen Abbruch.

 â€žVermutlich haben wir es mit demselben Täter zu tun, der auch Laurie Hardin auf dem Gewissen hat“, löste Inspektor Sands die Stille, „die gleiche Vorgehensweise.“

Beverly trat an das Bett. Mit der Erinnerung an Laurie Hardin wurden ihre schlimmsten BefĂĽrchtungen bestätigt. Der Körper der Toten lag gekrĂĽmmt, die Spuren des Todeskampfes waren ihr anzusehen. Die Hände waren mit einer Gardinenkordel zusammengebunden. Beverly sah in Sheila Morenos blass-bläuliches Gesicht. Da gab es nicht einen Hauch von Zweifel. Beverly beugte sich ĂĽber die Tote. Sie waren deutlich zu erkennen. Trotz der geschwollenen Lippen und trotz des vielen Blutes. Sie waren deutlich zu sehen, die bläulich-dunklen Fäden, die in unregelmäßigen Abständen ĂĽber den Lippen von Sheila Moreno zusammengezogen waren. Chirurgischer Faden. 

„Wie lange ist sie schon tot?“, fragte Beverly matt.

„Dr. Morrow hält sich bedeckt“, antwortete Stanton.

„Wer hat sie gefunden?“

„Eine Bekannte. Sie wollte Bücher ausleihen.“

„Die Tote war Heilpraktikerin“, erwähnte Sands knapp.

Sie gingen ins Wohnzimmer. Es war geschmackvoll eingerichtet. Antike Möbel, helle Vorhänge. Gruppen schlichter Kerzen und mit verschiedensten Kräutern gefüllte Flaschen standen auf den Fensterbänken. Auf dem Boden lag ein heller, dicker Teppich. An der hinteren Wand befand sich ein kleiner Kamin aus Sandstein. Die Flammen waren erloschen, doch die Glut erwärmte noch das Zimmer. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Klavier.

„Der Täter scheint ein Faible für Klaviermusik zu haben“, bemerkte Inspektor Sands. „Laurie Hardin besaß einen Flügel.“

„Könnte Zufall sein“, sinnierte Beverly mehr zu sich als zu ihrem Vorgesetzten, „muss es aber nicht.“

„Es gibt eine Reihe von Parallelen, die ziemlich offensichtlich sind“ warf Sands ein. „Das könnte bei der Erstellung eines Täterprofils hilfreich sein.“

„Das sehe ich auch so. Ist Victor Watermann wieder fit?“

„Nein, aber Whitefield bemüht sich um Ersatz. Er versucht, O’Brian davon zu überzeugen, dass wir jemanden brauchen, bis Victor wieder einsatzbereit ist.“

Ersatz? „Glaubst du im Ernst, Harold, dass O’Brian da mitspielt?“, bohrte Beverly.

„Es wäre wünschenswert. Obwohl ich nicht weiß, wer Victor ersetzen könnte. Du weißt genauso gut wie ich, dass er ein Mann mit Gespür ist, wenn es um Täterprofile geht, die den üblichen Rahmen sprengen.“

Beverly seufzte. „Und du weiĂźt genauso gut wie ich, das Chief Superintendent Will O’Brian keinen Hehl daraus macht, dass er von dem ganzen Psychogelaber, wie er es nennt, ohnehin nicht  viel hält. O’Brian hat seinen Kurs, den lässt er sich von niemandem korrigieren.“

Sie betraten den Raum, der an das Wohnzimmer grenzte. Beverly sog die Luft durch die Zähne. Drei Wände dieses Zimmers waren mit Regalen zugestellt, und diese bis zur letzten LĂĽcke mit BĂĽchern gefĂĽllt.    

Harold Sands fuhr mit seinen behandschuhten Fingerspitzen an den Buchrücken entlang. „Sie hat regelmäßig Bücher verliehen. Es gibt eine Kartei. Die Frau, die Sheila Moreno gefunden hat, war aus diesem Grund hier.“

„Was sagt die Spurensicherung?“, wollte Beverly wissen.

„Sie nehmen Spuren im gesamten Haus, die Fingerabdrücke an den Büchern werden gesondert katalogisiert. Sie befürchten, dass es Unmengen davon geben wird.“

„Was ist mit der Frau, die die Tote gefunden hat?“

„Sie wartet draußen im Polizeiwagen“, antwortete Sands. „Vorhin hat sie kein Wort herausgebracht. Vielleicht hat sie sich ja inzwischen soweit beruhigt, dass du sie befragen kannst.“

„Ich werde sehen, ob es was bringt.“ Beverly ging zur Haustür, beladen mit dem Gefühl, dass die nächsten Tage kein Spaziergang werden würden. Sie streifte die Schutzkleidung ab, folgte dem im Laufe des Abends im nassen Gras entstandenen Trampelpfad zur Straße und stieg in den Van. Dort saß eine zusammengekauerte Gestalt auf dem Rücksitz und hatte das Gesicht in die Hände vergraben. Ein Glas Wasser stand unberührt neben ihr auf einer Ablage. Beverly setzte sich zu ihr. „Ich bin Sergeant Evans. Ich werde Ihnen jetzt einige Fragen stellen. … es muss sein.“

Helen Fuller hob langsam das Gesicht. Ihre Augen waren gerötet, die Lider verquollen. Sie fuhr sich mit der rechten Handfläche über die Stirn, dann durch die dunkelblonden Locken die dem lose gebundenen Haarknoten entkommen waren. Beverly lächelte ihr aufmunternd zu.

„Ich kann es nicht“, begann Helen zu schluchzen, „ich kann nicht.“

Beverly wartete beinahe eine Viertelstunde, bis Helen Fuller sich wieder beruhigt hatte. Dann begann sie behutsam mit der

Befragung der Frau, die sich eigentlich nur BĂĽcher hatte ausleihen wolle

 

 

Mittwoch, 6. März

 

Die Nacht war nicht lang gewesen. Trotz ihrer überwältigenden Müdigkeit hatte Beverly kaum Schlaf gefunden. Als sie in ihrer kleinen Wohnung im Norden Croydons aufwachte, war der Fall sofort wieder präsent, und jeder Gedanke drehte sich um die Anhaltspunkte, die sie am Vorabend von Helen Fuller erfahren hatte. Die Zeugin hatte von einem Mann gesprochen, der sich bei Sheila Moreno im Gästezimmer eingenistet hatte. Diese Aussage hatte bei allen zunächst Irritationen ausgelöst, denn der Raum hatte völlig unbewohnt gewirkt. Dann waren sie zu dem Schluss gekommen, wer auch immer sich dort aufgehalten hatte, war mit Morenos Tod verschwunden und hatte sich Mühe gegeben, seine Spuren zu verwischen. Dennoch waren brauchbare Fingerabdrücke gefunden worden, die nicht der Hausherrin selbst gehörten. War der Unbekannte auch der Mörder?

Beverly verließ ihre Wohnung ohne Frühstück. Es war noch dunkel. Schwerer Nebel lag in der Luft. Sie war früh dran, der Verkehr lief trotz der Sichtverhältnisse noch fließend. Sie nahm die A 23 in Richtung City und erreichte den nördlich der Themse gelegenen Teil Zentral-Londons über die Vauxhall Bridge. Heute wird der Mordfall auf der Titelseite der Times und in den Lokalblättern erscheinen. Hoffentlich finden auch brauchbare Hinweise den Weg in den Yard.

Die Stimmung in Whitefields Büro war an diesem Morgen mehr als gedrückt, so als stecke jedem plötzlich wieder der Fall Laurie Hardin in den Knochen und jeder verdammte Tag, an dem sie daran gearbeitet, sich daran aufgerieben hatten. Dann gesellte sich Sergeant Hank Miller zu ihnen, er legte die Füße betont locker auf den Schreibtisch. Er ließ sich einen Zigarillo schmecken, blies dabei den Rauch in kunstvollen Kringeln in die stickige Luft und sagte: „Hays wäre beinahe explodiert. Ob er nicht schon genug Arbeit am Hals hätte, auch ohne meinen Mist. Ihr glaubt nicht, wie er gekocht hat.“ Miller grinste über das ganze, gerötete Gesicht, doch niemand schien seine Freude zu teilen. „Wo bleibt Whitefield“, mäkelte er und zupfte an seinem dunklen Schnauzbart, „ich habe heute eigentlich meinen freien Tag. Aber was tut man nicht alles für den Job. Dabei hab ich gerade heute ´ne Verabredung mit ner besonders scharfen Maus. ... Morgen kommt meine Alte von ihrem Beauty-Trip nach Hause. Dann stehen die Chancen wieder schlecht.“

„Er bespricht noch einige Details mit Dr. Morrow, anschließend kommt er hierher.“ Inspector Harold Sands beantwortete die Frage, ohne auf Millers Geplänkel einzugehen. Er hatte die Hände in den Hosentaschen seines Anzugs vergraben und sah aus dem Fenster. Im Gegensatz zu Miller war er kein schwatzhafter Typ. Wenn er sprach, dann über die Arbeit.

Niemals hatte auch nur einer der Kollegen ihn über private Probleme reden hören. Sands verzichtete auf zweideutige Seitenhiebe selbst in Situationen, in denen er allen Grund dazu hatte. Beverly schätzte seine respektvolle Art im Umgang mit Kollegen, bei der Befragung von Zeugen und der Vernehmung von Tatverdächtigen. Er konnte unnachgiebig und hart sein, aber er war immer gradlinig und fair. In der ersten Zeit beim Yard war sie ihm zugeteilt gewesen, sie hätte keinen besseren Mentor als Harold Sands haben können. Er hatte weder mit Lob, noch mit konstruktiver Kritik gespart. Er hatte ihr ihre Leistungen immer ehrlich zurückgespiegelt, und so hatte sie gelernt, ihr Potenzial und ihre Grenzen realistisch einzuschätzen.

„Beverly, frag doch mal nach, wo er bleibt“, drängelte Miller, während er auf die Uhr sah. Er drückte seinen Zigarillo aus und wippte nervös mit einem Fuß.

„Ich bin nicht dein Lakai.“ Blöder Affe. Beverly verdrehte die Augen. „Wenn dir schon jetzt jede Minute zuviel ist, könnten wir besser auf deine Mitarbeit verzichten.“

„Mach dich nicht wichtiger, als du bist Evans“, schnaubte Miller, „ es hat dich ja...“

„Beverly ist wichtig für das Team, genau wie Sie“, unterbrach sie Sands gelassen, mit ruhiger Stimme, während er sich zu ihnen umdrehte, „wir sollten unsere Zusammenarbeit nicht durch überflüssige Auseinandersetzungen belasten.“

„Der heilige Harold“, Miller zog spöttisch die Augenbrauen hoch und bekreuzigte sich, „immer ein bisschen edler als wir. Herrgott, wo bleibt Whitefield?“

Dieser Mistkerl von Hank! Jedem muss er seine gehässigen Seitenhiebe mitgeben. Beverly öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch in diesem Moment lächelte Sands ihr beschwichtigend zu. Sie wusste, was er meinte: „Es lohnt sich nicht.“ Er durchschaute sie mit einer Treffsicherheit, die ihr fast unheimlich war. Dennoch  genoss sie das GefĂĽhl, dass er ihre innersten BeweggrĂĽnde zu kennen schien. Manchmal redete sie sich eine Art Seelenverwandtschaft ein, weil auch sie ihn verstand, ohne Fragen stellen zu mĂĽssen. Oft ĂĽberkam sie die Furcht, sich völlig an ihn zu verlieren. Sie wusste um ihre Schwäche, doch sie wĂĽrde einen solchen Fehler nicht noch einmal begehen. Sands war verheiratet.

„Ah, Miller, doch schon da.“ Whitefield hatte die Tür in einem Schwung aufgezogen, war dann einen Schritt zurückgewichen, um einer jungen, elegant gekleideten Frau den Vortritt zu lassen. Er räusperte sich. „Das ist Sergeant Patricia Henderson. Bislang uniformierte Polizei Liverpool, ab heute Scotland Yard. Wir sind komplett.“

Miller öffnete den Mund, und Beverly schwante, was er sagen würde, doch Whitefield kam ihm zuvor.

„Ja, sie ist ein Frischling. Ihr werdet sie schon einarbeiten. Das ist Inspektor Harold Sands, halten Sie sich an ihn, Henderson.“

Harold gab ihr die Hand und lächelte sie an. „Freut mich, Sie kennen zu lernen, Miss Henderson. Ich denke, wir werden gut zusammenarbeiten.“

„Das denke ich auch“, hauchte sie, als hätte sie gerade ihr erstes Rendezvous. Beverly beobachtete die Wirkung, die Sands bloĂźes Vorhandensein auf dieses langbeinige, hellblonde Gift mit den stahlblauen Augen und glänzend roten Lippen ausĂĽbte. Kaum zu glauben, wie sie ihn anschmachtet. Aber die schöne Patricia Henderson wird sich anHarold die Zähne ausbeiĂźen, da bin ich mir sicher.

„Das ist Sergeant Bill Stanton, unser Mann für alle Fälle und Unfälle am Computer.“

„Ja, ha-hallo“, stotterte er.

Miller grinste. Auch Beverly war es nicht entgangen, dass Bill seit dem Erscheinen der neuen Kollegin den Mund nicht mehr richtig zubekam. Sie fragte sich, was er jetzt wohl im Stillen kombinierte.

„Tja Billy, die ist ’ne Nummer zu groß für dich“, dröhnte Miller, „bei der hast du keine Chance.“

„Sergeant Beverly Evans. Die Frau ist hart im Nehmen“, fuhr Whitefield, unbeeindruckt von Hanks Benehmen, fort. „Sie schießt wie ein Kerl.”

Beverly hatte nicht gerade die Gabe, mit derlei Äußerungen gut umgehen zu können. Sie lächelte kurz und kämpfte dann gegen die aufsteigende Röte.

„Sie trifft alles“, ergänzte Whitefield, „im Gehen, im Stehen und im Liegen.“

„Ja, besonders im Liegen“, grinste Miller höhnisch.

„Und das ist  Sergeant Hank Miller. Ăśberhören Sie einfach seine SprĂĽche.“ Whitefield hustete heiser bevor er fortfuhr. „Er ist halt so.“

Hank nahm die Füße vom Tisch, stand auf, ging auf die neue Kollegin zu und blieb dicht, für Beverlys Geschmack zu dicht, vor ihr stehen. „Wenn Sie heute Abend noch ein Gläschen mit mir trinken gehen, dann läuft die Sache. Das hängt eigentlich nur von Ihnen ab.“ Er lächelte ölig. Als er ihr die Hand reichte war ihre reservierte Körperhaltung unübersehbar.

„Das wird sich zeigen“, antwortete sie kühl.

Whitefield räusperte sich gedehnt und setzte sich hinter seinen zugepackten Schreibtisch.

„Zum Fall! Wir haben zwei Tote: Laurie Hardin am 15.August 1989 und Sheila Moreno am 05. März 1991, also fast zwanzig Monate später.“ Stanton heftete Fotos der beiden Toten an die Pinwand. Irgendwie hatte Beverly völlig vergessen, wie Laurie Hardin ausgesehen hatte, doch jetzt stand ihr plötzlich nicht nur das Gesicht wieder klar vor Augen. Sie erinnerte sich an die helle, in weiß und grün eingerichtete Wohnung, auch an den imposanten weißen Flügel der Anwältin.

Whitefield griff einen Block, auf dem einige in seiner unleserlichen Schrift gemachte Notizen standen, die an japanische Schriftzeichen erinnerten. „Beide ohne Anhang, aber mit Klavier. Beide auf die gleiche Weise gequält und ermordet. Mit altem chirurgischem Faden dilettantisch genäht. Es wurde nichts gestohlen. In beiden Fällen sah das Gästezimmer unbewohnt aus. Die Zeugin im Fall Sheila Moreno hat aber von einem Dauergast gesprochen, männlich, dunkelblond, gutaussehend und gepflegt. Habe ich die groben Details?“ Whitefield sah mit zusammengekniffenen Augen in die Runde der Ermittler.

„In beiden Fällen war die Presse ärgerlicherweise vor uns da“, ergänzte Beverly, „wir sollten auch dieser Sache nachgehen. Diese Typen machen eine Menge kaputt.“

„Wie gehen wir vor? Gibt es Hinweise?“, brummte Whitefield ungeduldig.

„Wir sind bei Laurie Hardin von einem Einzelfall ausgegangen“, begann Sands. „Nach Sheila Morenos Tod ist klar, dass es sich um einen Serientäter handelt. Wir müssen also davon ausgehen, dass es noch mehr Opfer geben könnte. Da der Fall bereits an die Öffentlichkeit gedrungen ist, haben wir inzwischen eine Reihe von Anrufen erhalten. Einer dieser Anrufe könnte uns auf eine entscheidende Spur bringen. Er kam aus Birmingham, von einem Polizeirevier: ein Mordfall nach fast genau dem gleichen Muster. Die Ermordete war allerdings verheiratet.“

„ Passt also nicht in unsere Schablone“, winkte Miller ab und steckte den nächsten Zigarillo an: „Wann war denn das?“

„Der Tatzeitpunkt lag im Sommer 1965. Mehr weiß ich zur Zeit noch nicht“, antwortete Sands.

„Ja klasse“, prustete Hank Miller los und verzog sein Gesicht zu einer peinlichen Grimasse, „das ist ja nur schlappe sechsundzwanzig Jahre her. Das ist ja der Hammer, ich glaube, ich bin im falschen Film!“

Inspektor Sands schien durch Hanks Auftreten weder beeindruckt noch verunsichert. „Wenn es sich nicht um den gleichen Täter handelt, so könnte ein Nachahmungstäter den alten Fall aus Birmingham kennen“, ergänzte er. „Ich habe das Gefühl, das wir dieser Sache nachgehen sollten.“

Whitefield strich sich mit den Fingern ums Kinn und kniff die Augen zusammen. Dann erhob er sich, ging ein paar Schritte, warf einen Blick auf die Fotos, räusperte sich dabei. „Könnte was dran sein, Harold“, er nickte zustimmend. „Sie fahren mit Henderson nach Birmingham. Ich will Details. Nehmen Sie den alten Fall auseinander. Mieten Sie sich notfalls ein Zimmer, falls es länger dauern sollte.“

„Mieten Sie sich notfalls ein Doppelzimmer, lassen Sie ja nichts anbrennen, Inspektor“, spöttelte Miller gedämpft, doch Beverly konnte ihn hören. Sie betrachtete ihn. Er konnte ein seltsames Gemisch aus Wut und Eifersucht in seiner Miene nur schwer unterdrücken: „Lassen Sie sich Zeit mit den alten Kamellen“, rutsche es ihm überlaut heraus.

„Wie schnell können Sie packen“, fragte Sands, an Patricia gewandt, und schob einige Unterlagen in seine Mappe. Millers Unverschämtheit schien er schlichtweg zu ignorieren.

„Sechzig Minuten, dann können wir los.“ Sie griff nach ihrer Jacke. „Ach, Sergeant Miller. Aus unserer Verabredung heute Abend wird dann wohl nichts. Tut mir leid.“ Sie lächelte ihn mit ehrlicher Genugtuung an, bevor sie Harold Sands in den Korridor folgte.

„Weiter“, Allister spielte mit einem Bleistift, deutete dann mit der Spitze in Millers Richtung. „Miller, finden Sie raus, wer bei der Presse Wind von der Sache gekriegt hat.“

„Was ist mit meinem freien Tag?“ raunzte er genervt.

„Gestrichen. … Evans, Sie fahren zum Tatort. Benutzen Sie mal ihren sechsten Sinn. … Stanton, Sie halten die Stellung. Filtern Sie alle Hinweise.“

Bill Stanton grinste. „Alle Hinweise in Sachen Nadelmörder aussortieren, die von Kurzwarengeschäften kommen.“

„Halten Sie mich auf dem Laufenden“, legte Whitefield nach.

„Presse, zum Kotzen. Ich kann wieder die Drecksarbeit machen“, zischte Miller. „Jedes Mal kann ich diesen Mist machen aber irgendwann ist Schluss.“ Er erhob sich, verließ das Büro und schlug die Tür gut hörbar hinter sich zu.

„Das wär’s.“ Der Superintendent setzte sich und legte eine Handvoll Unterlagen auf den schon seitlich geneigten Stapel. „Stanton, Sie bleiben noch.“ Whitefield winkte ihn zu sich und nickte Beverly zu. Sie war froh, das verrauchte Büro verlassen zu können. Irgendwann schieb ich dirdeine stinkenden Zigarillos sonst wo hin, Miller.

Beverly folgte dem Korridor in Richtung Treppenhaus. Dort stand eine Gruppe von Leuten, die sich, wie war es anders zu erwarten, um Hank Miller scharte. Es waren mehrere junge Kollegen einer anderen Abteilung, die Beverly nur vom Sehen kannte. Jung und unerfahren, auch was Miller anging. Er redete, gestikulierte und lachte ungeniert. Er schien schon wieder bei bester Laune. Beverly ging auf die Runde zu, und als der Name Sands fiel, blieb sie wie beiläufig stehen.

„Wie lange arbeitet Sands jetzt schon beim Yard? Und hat irgendjemand je seine Frau gesehen? Whitefield vielleicht. Aber der ist ja auch kein Maßstab. Sands hat nicht einmal ein Bild von ihr auf dem Schreibtisch. Ich sag euch was, Jungs. Seine Alte ist so grottenhässlich, dass er sie im Keller versteckt.“ Miller grinste über das ganze Gesicht.

„Du bist ein Mistkerl“, konstatiere Beverly, „ du kannst es nicht ertragen, dass Sands mit Henderson nach Birmingham fährt.“

„Darüber solltest du dir lieber Gedanken machen, Evans.“

„Es liegt wohl an deiner schleppenden Karriere, dass du ständig geistlose Geschichten über ihn verbreitest.“

„Ach, Beverly, unsere rote Hexe. Hängst dich ja wieder mächtig weit für ihn aus dem Fenster. Aber was soll’s, es weiß hier ohnehin jeder, dass du scharf auf ihn bist. Schlechte Karten für dich, Schätzchen. Ab heute vögelt er Blondie.“

„Du solltest zur Abwechslung mal dein Hirn anschalten, Miller.“Idiot! Sie schob sich an der kleinen Gruppe vorbei, Richtung Ausgang.

„Fühl dich nicht so sicher Evans, ich weiß mehr über deine kleinen Affären, als du denkst“, giftete er ihr hinterher.

Das saß. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Beverly hatte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Sie ging mit raschen Schritten weiter zur Tür. Als sie das Schnappen des Schlosses hinter sich hörte, sog sie die kalte feuchte Luft tief in sich ein. Er blufft nur. Er kann nichts wissen. Niemand beim Yard hatte irgendetwas von ihrer Beziehung zu Edward mitbekommen. ...es sei denn, er selbst hätte...? Nein, er hatte mit Sicherheit zu niemandem etwas gesagt, schon gar nicht zu Miller. Er und Miller waren sich immer aus dem Weg gegangen, außerdem war dieser Dreckskerl ja für sein loses Mundwerk bekannt. Wenn du willst, dass alle in Windeseile Bescheid wissen, so sag’s Miller im Vertrauen. ... In einem Punkt jedoch hatte Miller Recht. Außer Whitefield kannte niemand Sands Ehefrau.

Im Tageslicht wirkte das Haus größer, als sie es in Erinnerung hatte. Beverly entfernte das Siegel und betrat den Flur. Sie streifte die Handschuhe über und stieg die schmale Treppe hinauf. Sie ging noch einmal in das Gästezimmer, öffnete das Fenster. Von hier oben hatte sie einen guten Blick auf die schmale Straße. Der kleine Fußweg am Rande der Lichtung entlang hätte ihr die nassen Füße vom Vortag ersparen können, sie hatte ihn gestern nicht bemerkt. Die Gehwegplatten aus gebrochenem Marmor hatten durch die feuchte Witterung Grün angesetzt. Sie führten in einem kleinen Bogen auf das Haus zu. Beverly wandte sich wieder dem Innern des Hauses zu. Das kleine Zimmer war mit hellen Möbeln aus Kiefernholz eingerichtet. Sie öffnete den leeren Schrank, schaute in die Frisierkommode, danach unter das Bett. Sie zog die Schubladen aus dem kleinen Wäscheschrank ganz heraus, aber es war nichts dahinter gefallen. Sie stieg auf das Bett, um auf den Schrank zu sehen. Nichts. Sie trat zurück in den Flur. Das Bad neben dem Schlafraum war aufgeräumt und sauber. Ein paar frische Handtücher lagen akkurat gefaltet auf dem Rand der Wanne. Ein angenehmer Geruch schwebte im Raum. Beverly hätte ihr altes Auto darauf verwettet, dass es ein Herrenduft war, der ihre Nase kitzelte. Sie schraubte die Flasche mit der Badelotion auf. Fliederduft stieg ihr in die Nase, stark und blumig. Nein, das war es nicht. Sie durchsuchte die Schränkchen nach Herrenparfüm, wurde aber nicht fündig. Sie verließ das kleine Bad und stieg die schmale Treppe hinunter. Wenn es etwas gab, das die Spurensicherung übersehen hatte, dann würde sie es wahrscheinlich auch nicht finden.

Im Wohnzimmer hing der Geruch des erloschenen Kamins. Auf einem Schränkchen standen Fotos. Auf zweien war eine Gruppe von Kindern zu sehen, eines zeigte drei Frauen vor einer alten Kirche, und auf einem weiteren Bild saß ein greises Paar auf einer Bank in einem blühenden Garten. Beverly öffnete die Rahmen. Hinter den Bildrücken verbarg sich nichts. Sie ging in den Nebenraum, zog unschlüssig mehrere Bücher aus dem Regal und fand ein Fotoalbum: Sheila Moreno’s Urlaubsfotos: Strand, Landschaft, Wasser, Felsen, an denen sich die Wellen brachen, keine Menschen, kein gutaussehender dunkelblonder Mann. Sie legte das Album beiseite und betrat wieder das Kaminzimmer. Sie berührte die Tasten des Klaviers, ohne ihnen einen Ton zu entlocken. Die Kälte der glatten Oberfläche, die durch das dünne Latex ihrer Handschuhe drang, ließ sie erschauern. Was hatte der Mörder gewollt? Es war das Motiv, das fehlte. Warum hatte er Sheila Moreno auf so bestialische Weise umgebracht? Er hatte nichts entwendet, er hatte nichts im Haus zerstört, er hatte sie nicht vergewaltigt. Was um alles in der Welt hatte er gewollt? Liebte er das Töten oder war sein Geist krank und zwang ihn dazu? Passte Sheila Moreno in sein Bild von Frauen, die er ausmerzen musste, oder folgte er einer irrealen Wahnvorstellung, die sie zu einer Gefahr gemacht hatte? Beverly setzte sich auf den dicken Teppich. Sie ließ den Raum auf sich wirken, die Farben, den Duft, die Stille. Alles war so harmonisch, und doch schwang jetzt das Grauen mit, das nicht hierher passte. Das Klavier, was hatte ein Klavier mit einem zugenähten Mund zu tun? Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. Ihr ganzes Denken war blockiert, ihr Kopf schmerzte. Was um alles in der Welt ... was hatte er bezweckt?

Beverly fuhr in Richtung Stadtmitte. Blechlawinen drängten sich durch die Straßen. Sie hatte schon wieder vergessen, in der Werkstatt anzurufen. Dieses hustende Geräusch, das der Wagen hin und wieder von sich gab, konnte nicht normal sein. Nein,wirklich nicht.Irgendwann bleibst du mit deiner Schrottkarre liegen. Sie bog in die nächste Straße ein. Sands und Henderson waren vermutlich noch unterwegs. Sie nahmen die M 1 an Northampton vorbei. Wie lange fuhr man nach Birmingham? Sicherlich geschlagene zwei Stunden. Beverly war nie dort gewesen. Ein Fall aus dem Jahr 1965. Miller konnte sagen, was er wollte, aber Sands hatte immer ein untrügliches Gespür für brauchbare Hinweise. Wenn er glaubte, dass es eine Verbindung geben könnte, dann war das fast schon sicher.

Sie fuhr auf das Parkdeck. Es war schwierig, einen freien Platz zu finden. Sie erhaschte eine Lücke, aus der gerade jemand herausfuhr. Als sie das Kaufhaus betrat, wurde sie von seichter Musik eingelullt. Das Gedränge der Menschen nervte sie. Auf den Rolltreppen standen sie dicht an dicht. Mein Gott, gibt es denn nichts Wichtigeres, als sich mit diesem ganzenKrempel zu bepacken? Die Parfümerieabteilung lag im dritten Stock. Die Menschen schoben sich durch die Regalreihen. Beverly steuerte auf die Herrendüfte zu und ergriff die Erstbesten. Sie probierte ein paar auf der Innenseite ihrer Unterarme. Ihre Nase war nach wenigen Proben duftblind. Sie ließ sich ein paar Blättchen mit den Herrenparfüms besprühen, jedes einzeln in Folie verpacken, beschriftete sie mit einem Kürzel und steckte sie sorgsam getrennt in ihre Handtasche. Den seltsamen Blick der Verkäuferin hielt sie dabei problemlos aus. Im Ausgangsbereich kaufte sie sich ein Sandwich. Während sie im Aufzug zum Parkdeck stand, wurde ihr durch die peinlich berührten Blicke bewusst, dass sie wie ein parfümierter Iltis stank.

„Warst du im Puff?“ waren Millers erste Worte, als Beverly das Büro betrat. Er war zurück und hatte bereits eine Verhaftung vorgenommen. Er hing selbstgefällig hinter ihrem Schreibtisch, die Füße hochgelegt, der Dunst von Whisky schwebte in der Luft. „Dieser Adrian La Vince hat den Polizeifunk abgehört, dafür wette ich. Ich hab ihm mit einer Verhaftung gedroht, falls er es nicht zugibt. Er hat es nicht zugegeben, also hab’ ich die Pfeife verhaftet. ... Ich kenne diesen Typen. Ständig knipst er rum, wo er nichts zu suchen hat, und schreibt dummes Zeug. Und jetzt tut er so, als wenn er von nichts wüsste. Dem würde ich am liebsten seine lose Reporterfresse polieren.“

„Soll ich es mal versuchen?“

„Ihm die Fresse zu polieren?“

„Ihn zu befragen“, seufzte Beverly.

„Wenn du deine Zeit damit verschwenden willst. Er ist unten. Aber lass dich nicht von diesem kleinen Schleimer einwickeln. Ist ’ne ganz fiese Sorte, sag ich dir.“

Der Reporter saß im Verhörzimmer und betrachtete anscheinend amüsiert das vergitterte Kellerfenster. Er grinste, als Beverly den Raum betrat.

„Ich bin Sergeant Beverly Evans.“ Sie setzte sich an den Tisch ihm gegenĂĽber. Er war höchstens fĂĽnfundzwanzig Jahre alt. Seine leicht gebräunte Haut und das Profil seines Gesichts verrieten, dass sĂĽdländisches Blut in seinen Adern floss. Sein schwarzes langes Haar hatte er im Nacken zu einem Zopf gebunden. Mit seinen ausdrucksstarken, flackernden Augen musterte er sie.

„Ich bin Adrian La Vince, Mitarbeiter bei der London News. Ich würde jetzt gern wieder gehen. Ich hab’ noch zu tun. Sie haben übrigens ganz fantastische Sommersprossen.“

„Ich möchte gleich zur Sache kommen. Sie sind hier, weil Sie im Verdacht stehen, den Polizeifunk abgehört zu haben. Dadurch behindern Sie unsere Arbeit. Was haben Sie dazu zu sagen?“

„Bis in die Gemäuer von Scotland Yard hatte ich es bislang noch nicht geschafft. Ich hab’s mir in der Victoria Street allerdings aufregender vorgestellt. War ein bisschen enttäuscht. Aber Sie machen das wieder wett. Ich wusste gar nicht, dass es hier so hinreißende Sergeants gibt. Allerdings“, er zögerte einen Moment, „Sie sollten ein anderes Parfüm benutzen.“ Er lachte. „Ich würde trotzdem gern heute Abend mit Ihnen essen gehen.“

Keine Chance, BĂĽrschchen.

„Zur Sache, La Vince. Äußern Sie sich bitte zu den Vorwürfen.“

„Was wollen Sie denn hören?“ Er lächelte.

„Die Wahrheit.“

„Mit der Wahrheit ist das immer so eine Sache. Dann wĂĽrde ich doch gern vorher meinen Anwalt sprechen. Bitte foltern Sie mich nicht.“ Er machte ein dermaĂźen eingeschĂĽchtertes Gesicht, dass sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Sie sah kurz auf ihren Notizblock, um es zu verbergen. 

„Mister La Vince. Wir ermitteln in einem Mordfall. Wir müssen wissen, wer die Presse informiert hat, um ausschließen zu können, dass es der Täter selbst war.“

„Was würde das ändern?“

„Das könnte eine ganze Menge ändern. Es könnte den Ermittlungsansatz ändern oder auch das Täterprofil.“

„Warum geht eine Frau wie Sie zur Polizei?“

„Das steht hier nicht zur Diskussion.“

„Sie sind echt Wahnsinn. Ich mag rothaarige Frauen. Wenn Sie mit mir ausgehen verrate ich Ihnen...“

„Ich lasse mich nicht erpressen.“ La Vince schien anscheinend zu glauben, dass er mit ein bisschen gespieltem Charme auf jede Frau unwiderstehlich wirkte. Er schien tatsächlich dem Trugschluss zu unterliegen, dass er dadurch den Verlauf dieser Befragung steuern konnte.

„Dieser fiese Kerl von vorhin, macht der Ihnen Druck? Ist Ihre Karriere beendet, wenn Sie keine Aussage von mir bekommen?“

„Dieser Kerl ist Sergeant Miller, und er ist nicht mein Vorgesetzter. ... Können wir jetzt weitermachen, es geht hier um einen Mord. Ich habe keine Lust auf Spielchen.“

„Ich würde sehr gern noch ein bisschen mit Ihnen spielen, Sergeant Evans.“

Sie erhob sich. „Mr. La Vince. Sie zeigen sich in keiner Weise kooperativ. Damit wäre das Verhör jetzt beendet. Sergeant Miller wird Sie gegen Abend noch einmal befragen. So lange haben Sie doch Zeit?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie zur Tür, sah sich noch einmal kurz um. Der fröhlich beherrschte Ausdruck fiel ihm aus dem Gesicht. „Warten Sie, Sergeant“, sagte er hastig.

Na also!

La Vince lehnte sich vor. Sie setzte sich wieder.

„Gut. Ich sag Ihnen, was Sie wissen wollen, und Sie lassen mich gehen, okay?“

„Es kommt ganz darauf an, ob ich mit dem zufrieden bin, was Sie mir jetzt auftischen.“ Sie lehnte sich zurück.

„Ich habe den Funk nicht abgehört, und das ist die Wahrheit. … Wir bekommen hin und wieder anonyme Tipps von einem Typen, der sich Das Ohr nennt. Er macht auf völlig anonym, niemand kennt ihn persönlich. Er hört den Polizeifunk ab. Er lässt sich seine Informationen gut bezahlen. Das Geld geht immer an ein Schließfach. Fragen Sie mich also nicht, wie er heißt oder wo er wohnt. Ich weiß es wirklich nicht. Meine Kollegen Clark und Darryl können das bestätigen. ... Reicht das für Ihre Ermittlungen?“

Sie schrieb sich ein paar Notizen auf ihren Block und wandte sich ihm wieder zu. „War das auch beim Mordfall Laurie Hardin so?“

Er schien einen Moment lang nachzudenken. „Ja, auch da hatten wir die Information von ihm.“

„Danke, Mister La Vince. Warum nicht gleich so. Ich werde die Formalitäten erledigen und schicke dann jemanden, der Sie hier herauslässt.“

„Okay, und dann gehen Sie mit mir essen?“

„Warum hast du ihn gehen lassen?“ Millers Gesicht war puterrot, sein Schnauzbart zitterte.

„La Vince hat seine Aussage gemacht, ich glaube ihm, außerdem hat Whitefield zugestimmt. Du hast doch nicht im Ernst geglaubt, ich würde ihn ohne Rücksprache hier herausspazieren lassen?“

„Ich kaufe diesem Typen nichts von dem ab, was er dir da aufgebunden hat. Der lügt doch schon, bevor er den Mund aufmacht. Hast dem Latino wohl zu tief in die Augen geguckt. So geht das nicht, Beverly. Ich reiß mir doch nicht den Arsch auf und schlepp den Typen an, damit du ihn wieder gehen lässt. Weißt du, was du tust? Du untergräbst meine Arbeit.“

„Hank, seine Aussage war glaubhaft. Es gab keinen Grund, ihn hier weiter festzuhalten. Du lässt dich manchmal einfach zu sehr von deinen Antipathien leiten.“

„Ach ja? Und wovon, bitteschön, lässt du dich leiten, Evans? Von deinen Hormonen?“

„Das will ich jetzt überhört haben.“ Sie sah ihn wütend an und unterdrückte den Impuls, ihm ins Gesicht zu schlagen. „Sieh es doch mal so, Hank: Ohne dich hätten wir seine Aussage nicht. Du hattest den richtigen Riecher. Du hast ihn schließlich hierher gebracht.“

Sergeant Bill Stanton war vollauf beschäftigt. Er hatte einen chaotischen Zettelberg auf einem Stuhl, einen weiteren auf dem Boden und einen dritten auf dem Tisch von Whitefields Büro gestapelt. Die Pinwand war mindestens mit drei Lagen überfrachtet. Beverly bemerkte eine rot umrandete Notiz, die separat auf dem Schreibtisch lag. Stanton nahm sie in die Hand.

„Was hast du da?“

„Merkwürdige Geschichte. Liegt genau wie der Fall in Birmingham etliche Jahre zurück, genau gesagt, es ist noch länger her. Es war ein anonymer Anruf. Wahrscheinlich ein älterer Mann. Er hat uns eine Adresse in West Bromwich gegeben. Angeblich hat ein Junge damals eine Tat begangen, die ihn an unseren Fall erinnert. Mehr wollte er nicht sagen.“

„Glaubst du, es ist ein ernst zu nehmender Hinweis?“, forschte Beverly.

„Das denke ich schon“, bestätigte Stanton.

„West Bromwich liegt in der Nähe von Birmingham“, brummte Allister, der mit der Hand auf die Fensterbank gestützt die Landkarte an der Wand anschaute. „Die Sache wird heiß, muss irgendwas dran sein. Ich hab Inspektor Sands angerufen. Die Tote in Birmingham hieß Carla Harwood. Er und Henderson stecken bis über beide Ohren in den alten Polizeiakten. Sie brauchen noch ein, zwei Tage. Wir wollen keine Zeit verlieren. Sie, Miller und Evans werden den Fall in West Bromwich überprüfen. Sie fahren sofort, dann können Sie morgen früh gleich loslegen. Sie steigen im Cityhotel in West Bromwich ab.“

Beverly atmete tief durch. Nicht das! Eine Dienstreise mit Hank, genau das hatte ihr jetzt gefehlt. Sie konnte sich nicht entsinnen, ihn jemals sympathisch gefunden zu haben. Von Anfang an hatte sie sich durch sein ungehobeltes Benehmen, die abfällige Art, ĂĽber Frauen zu reden, besonders ĂĽber die eigene Ehefrau, und sein cholerisches Temperament abgestoĂźen gefĂĽhlt. Es störte sie, wie unsensibel er mit Zeugen umsprang, dass er Verdächtige im Verhör zynisch und herablassend behandelte.  Miller machte Arthur Hays das Leben schwer, der nun wirklich ein harmloser, netter Kerl war, er hatte auch gegen Edward immer gestichelt. Er hasste Harold Sands, der im Yard einen tadellosen Ruf besaĂź und den Rang eines Inspektors bekleidete, der eigentlich ihm, so glaubte Hank, zugestanden hätte. Er war in letzter Zeit stets hinter den Erwartungen, die in ihn gesetzt wurden, zurĂĽckgeblieben. Er trank zu viel. Ständig provozierte er irgendwelche Streitereien. Was hatte Whitefield nur dazu bewogen, diesen Mann wieder mit ins Team zu nehmen?

Beverly spürte die Müdigkeit in allen Knochen. Sie hätte auf dem Beifahrersitz augenblicklich einschlafen können, wenn ihr Instinkt ihr nicht befohlen hätte, wach zu bleiben. Sie starrte nach vorn auf die Strasse und fragte sich, ob Miller sie beide umbringen wollte. Sein Fahrstil passte zu seinem Charakter, unterschwellig aggressiv und betont rücksichtslos. Sie hätte die Einladung von Adrian La Vince annehmen sollen, nur um dieser Höllenfahrt zu entgehen. Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe, und Miller stierte aus dem Wagen, als sei er auf der Jagd. Hin und wieder zuckte sein Mund, als wolle er etwas sagen, manchmal entfuhr ihm ein Schimpfwort. Er drehte das Radio aus. „Was findet ihr Weiber eigentlich an Sands, diesem Waschlappen?“

Sands? Er ist der Mann meiner Träume.Er ist der Mann meinerAlbträume. Wie oft hatte Beverly schon geglaubt, Scotland Yard verlassen zu mĂĽssen, weil sie seine Nähe nicht ertrug, weil sie nicht ertrug, dass er nur ein Kollege fĂĽr sie war, dass er verheiratet war. Es kostete so viel Kraft, alle GefĂĽhle zu unterdrĂĽcken, die sie fĂĽr ihn hegte. War es nicht diese unerfĂĽllte Sehnsucht gewesen, die sie damals in Edwards Arme getrieben hatte?  Hatte sie nicht immer nur Harold Sands gewollt?

„Ihr lasst euch immer von Äußerlichkeiten blenden. Immer nur die schicke Schale. Da setzt es dann völlig aus. Da fehlt den Frauen was am Hirn“, höhnte Miller.

Beverly stöhnte. Sollte sie jetzt auf diesen Blödsinn reagieren? Sie fühlte sich viel zu erschlagen, um noch in einen verbalen Zweikampf zu ziehen. Halt doch einfach die Klappe, Miller.

„Frauen sind genau deshalb auch für den Polizeidienst nicht geeignet. Sie sehen einfach nicht, was hinter der Fassade steckt. Dazu sind sie einfach zu blöd. Manchmal glaube ich, sie lassen sich ganz gern verarschen. Edward war genau so ein Typ wie Sands, aalglatt und ständig hinter jedem Rock her. Aber keins der Weiber hat gemerkt, dass der gute Ed drei Bräute gleichzeitig beglückt hat.“

Miller, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir diesen Schwachsinn abkaufe? Sie würde einfach weghören. Diese Unverschämtheiten! Wie konnte er so über einen toten Kollegen reden?

„Na ja, umsonst stirbt man nicht schon mit dreißig am Infarkt. Der gute Edward. Hinterlässt eine lustige Witwe, einen Stall voller Kinder und drei trauernde Geliebte. Du hast es auch nicht gerafft, Evans.“

Sie sah ihn völlig entnervt an. Im Profil seines Gesichtes erkannte sie Häme.

„Ich hab euch Turteltauben vor einer Ewigkeit in einem Hauseingang rumknutschen sehen. Hab ’nen Kumpel in der Hackney Street abgeholt. ... Na ja, turteln ist nicht ganz das richtige Wort. Die Szene war eindeutig. So wie Edward an dir rumgefummelt hat. Er war spitz wie ein Straßenköter. Ich dachte, er reißt dir noch auf der Straße die Klamotten vom Leib. Brad und ich haben ’ne Weile zugesehen. War schon schwer, sich von dem Anblick loszureißen. Mein Gott, war das scharf.“

Beverly glaubte, ihr wĂĽrde schlecht, unwillkĂĽrlich griff sie sich an den Mund.

 â€žGlaubst du im Ernst, dass du die einzige warst, mit der er ins Bett gestiegen ist? Der war doch hinter jeder Braut her, die nicht bei drei auf ’nem Baum saĂź. Geschieht dir ganz recht. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, Evans.“

Das Hotel war nicht einmal Mittelklasse, aber es machte einen sauberen Eindruck. Sie wurden freundlich empfangen. Beverly wollte jetzt nichts sehnlicher als allein sein, und Miller wünschte ihr süße Träume, bevor er an die Bar ging.

Sie lag auf dem breiten Bett, ein Glas Wein auf dem Nachtschränkchen, sah an die Decke und fragte sich ernsthaft, warum sie jetzt ĂĽber Millers Geschwafel nachdachte. Sie hatte sich doch geschworen, ja, Beverly, das hast du, nichts mehr auf sein Gerede zu geben. Er lästerte ständig ĂĽber alles und jeden. Er hatte immer irgendeine peinliche Geschichte auf Lager. Nur jetzt gab es da einen kleinen Unterschied. Nun war klar, dass Miller ĂĽber ihre Affäre mit Edward Bescheid wusste. Sie kannte ihn nur zu gut, um zu wissen, was passieren wĂĽrde. Er wĂĽrde sie nicht in Ruhe lassen. Er wĂĽrde ihr ständig damit auf die Pelle rĂĽcken. Es gab jedoch einen Gedanken, der sie trotzdem beruhigte. Auch wenn Miller auf die Idee kommen sollte auszupacken, wer wĂĽrde ihm die Geschichte abkaufen? Er hatte seinen speziellen Ruf. Er war der GerĂĽchtekoch des Yard. Niemand wĂĽrde seinen Geschichten Glauben schenken. Also spar deine Kraft und reg dich bloĂź nichtĂĽber diesen Mist auf, morgen wird ein anstrengender Tag.    

 

 

Donnerstag, 7. März

 

Es hatte aufgehört zu regnen. Ein paar zaghafte Sonnenstrahlen fanden den Weg durch die Wolken und spielten in den Vorhängen von Beverlys Zimmer. Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, wo sie sich befand. Augenblicklich drängte sich Millers Monolog vom Vorabend wieder in ihr Gedächtnis und trübte ihre ohnehin gedrückte Stimmung noch weiter. Hoffentlich hielt er heute seine verdammte Klappe, sonst konnte sie für nichts garantieren. Mit Befriedigung stellte sie fest, dass sich ihr Entsetzten und die Scham vom Abend allmählich in Wut verwandelten. Dieser Mistkerl, dieser elende Spanner! Sie duschte und zog sich an. Im Hotelrestaurant war schon ein Großteil der Tische besetzt, als sie hinunter kam. Miller war nicht da. Sie würde nicht auf ihn warten. Nimm es als besonderen Service des Hauses, nimm esals Service, dass du ohne ihn hier sitzen darfst. Es roch nach Rühreiern mit Speck, nach Tee und frischem Toast. Das Frühstück war erstaunlich gut, es hob ihre Laune. Während sie es sich schmecken ließ, schaute sie in die Straßenkarte. Als sie den letzten Schluck Tee nahm, kam Miller an ihren Tisch.

„Wir können los.“ Er sah übernächtigt aus und roch nach Alkohol.

„Willst du nicht frühstücken?“

„Das ist Zeitverschwendung, morgens krieg ich sowieso nichts runter.“ Er schob sich eine Pfefferminzpastille in den Mund, während er ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.

„Wir müssen in Richtung Walsall aus der Stadt heraus und bei einer kleinen Kapelle rechts ab. Soll ich fahren?“

„Kommt nicht in Frage. Ich lass mir doch von einer Frau nicht meinen Wagen ruinieren.“ Er schob sich eine zweite Pastille in den Mund, man konnte ja nie wissen, und schlurfte hinaus. Das Sonnenlicht glitzerte auf der schwarzen Nässe des Parkplatzes.  Sie stiegen in Millers Wagen. Er grinste sie von der Seite an. Dabei schob er sich einen Zigarillo in den Mund, zĂĽndete ihn an und kurbelte das Seitenfenster herunter. Dann lieĂź er den Motor aufheulen, drehte das Radio laut, steuerte langsam auf die StraĂźe und legte dort mit quietschenden Reifen einen Kavalierstart hin. Beverly seufzte gedehnt, unĂĽberhörbar.

Sie waren etwa zwanzig Minuten gefahren, als vor ihnen die Kapelle auftauchte. Sie war von einigen Bäumen umgeben, und lag eingebettet in einer Kurve. Das Moos, das sie vom Sockel bis zu den zerschlagenen Fenstern bedeckte, gab ihr ein verwittertes Aussehen. Hank trat so abrupt auf die Bremse, dass Beverly den Druck des Sicherheitsgurtes auf ihrem Körper spürte, bog ab und trat wieder aufs Gas. Der Weg schlängelte sich stark. Er war von hohen Beerensträuchern gesäumt. Miller schien Mühe zu haben die engen Kurven richtig einzuschätzen. Manchmal riss er am Lenker und es schien, als könnte die nächste auch die letzte Kurve für sie sein.

Wenigstens hält er den Mund.

Die Zufahrt endete auf einem riesigen Vorplatz. Ein prächtiges herrschaftliches Gebäude reckte sich vor ihnen in den Himmel. Zwei mächtige Säulen stützten das von Marmorlöwen bewachte Portal. Hier also sollte ein Junge eine Tat begangen haben, die Parallelen zu ihrem Fall aufwies. Niemand in diesem Haus wusste, dass Scotland Yard ihnen heute einen Besuch abstatten würde.

„Die ehrwürdige Familie St. Williams. Alter englischer Adel“, spöttelte Miller, während er den Türklopfer betätigte. Es dauerte eine Weile, bis geöffnet wurde. Eine rundliche ältere Dame in einem schlichten Hauskleid öffnete die Tür. Ihre prallen Wangen waren von kleinen roten Äderchen durchzogen, ihre blauen freundlichen Augen blickten durch die Gläser einer kleinen schlichten Brille.

„Sie wünschen?“

„Wir sind von Scotland Yard. Wir ermitteln in einem schwierigen Fall und möchten Sie um ihre Mithilfe bitten. Siesind Victoria St. Williams?”

„Nein”, sie lächelte. „Ich bin Maria Clement, die Hausdame. Sie sind nicht angemeldet“, stellte sie fest.

„Nein, aber es ist dringend. Würden Sie uns bei Mrs. St. Williams ankündigen?“

„Ich werde es versuchen. Ich werde mein Möglichstes tun. Kommen Sie doch bitte so lange in die Halle.“

Die Eingangshalle war riesig. Alles war aus glänzendem, hellem Marmor, der Boden, die Wände, die riesige Treppe, über die Maria Clement jetzt nach oben verschwand. Beverly fiel auf, das es hier weder Teppiche, noch Blumen oder Bilder an den Wänden gab, der ganze Raum wirkte vollkommen entseelt.

„Dieses vornehme Getue ist ja nicht auszuhalten, wenn ich...“

Beverly ließ Miller nicht ausreden. „Wir sind zumindest schon im Flur. Ein bisschen Takt würde dir auch nicht schaden.“

„Ekelhaft, dieses Adelspack, einfach nur ekelhaft.“

„Tja, Hank, da musst du jetzt durch.“

„Kommen Sie, bitte“, die Hausdame winkte ihnen über die Balustrade zu, „Sie können sie kurz sprechen.“

Victoria St. Williams saĂź in einem riesigen Wohnzimmer, das von langen grĂĽnen Vorhängen verdunkelt war und eine beklemmende Atmosphäre ausstrahlte. Auf dem tadellos gepflegten Parkettboden lag ein kunstvoll gearbeiteter Orientteppich, der sicherlich ein Vermögen gekostet hatte. Der Raum war ringsum von Wandlampen schwach beleuchtet. Der hohe Kamin schien schon eine Ewigkeit nicht benutzt worden zu sein. Die Stirnwand des Zimmers hing voller Portraits. SchriftzĂĽge darunter verrieten, dass sie die Ahnen der Familie St. Williams zeigten. An der rechten Wand stand ein mächtiger alter Schrank aus dunklem Holz, gerahmt von unzähligen Geweihen, gegenĂĽber ein riesiger schwarzer FlĂĽgel. In der hintersten Ecke des Raumes saĂź Victoria St. Williams kerzengerade in einem ĂĽbergroĂźen Sessel. Sie schien auf Besucher keinerlei Wert zu legen und demonstrierte dies durch die Tatsache, dass es hier keine weiteren Sitzmöbel gab. Ein kleines Tischchen mit einer edlen Porzellankanne und einer Tasse standen vor ihr. Victoria St. Williams war ausgemergelt,  ihre Wangenknochen stachen weit aus ihrem grauen, verhärmten Gesicht hervor. Sie trug ein strenges, dunkelgraues Kleid, das den Hals komplett bedeckte, und eine schlichte goldene Kette. Ihr weiĂźes Haar war so straff zurĂĽckgekämmt und zu einem Knoten gebunden, dass Beverly allein vom Hinsehen schon Kopfschmerzen bekam. Durch die jahrelange Tortur lag der Haaransatz so weit zurĂĽck, dass es aussah, als habe Victoria St. Williams eine Stirnglatze. Sie musterte die Ankömmlinge geringschätzig, und ihre kalten bleichen Augen verkĂĽndeten offene Feindseligkeit.

„Ich gehe davon aus, dass Sie keinen Tee möchten“, stellte sie mit harter, emotionsloser Stimme fest. „Ich bin es nicht gewohnt, Leute von der Straße zu empfangen, die sich in desolatem Zustand befinden. Sie riechen nach Alkohol, junger Mann. Es ist eine Schande“, und sie wandte sich an Beverly, „dass Sie es wagen, mit locker gebundenen Haaren hier zu erscheinen. Ich ertrage diesen Verfall der Sitten nicht. Was wollen Sie hier?“

„Wir sind von Scotland Yard und müssen Ihnen einige Fragen stellen“, begann Beverly ruhig, aber schon jetzt mit dem unguten Gefühl, auf verlorenem Posten zu stehen.

„Ich habe Sie nicht hierher gebeten.“

„Wir arbeiten an einem schwierigen Fall. Wir brauchen ihre Hilfe, Mrs. St. Williams.“

„Ich habe mit solchen Dingen nichts zu schaffen. Mein ganzes Leben habe ich mich für die Wahrung von Zucht und Ordnung eingesetzt. Ich möchte nichts mit Ihnen zu tun haben. Bitte, gehen Sie jetzt.“

„Ich habe einige Fragen zu Ihrem Sohn.“ Beverly bemĂĽhte sich gelassen zu bleiben, ihre Stimme klang ruhig, die Antwort  der alten Dame harsch.

„Wie können Sie es wagen! Ich habe keinen Sohn.“

„Mrs. St. Williams, wir wissen, dass Sie einen Sohn haben“, erwiderte sie eindringlich.

„Woher können Sie das wissen? Es ist ungeheuerlich. Sie ahnen nicht im Geringsten wie es ist, Zucht und Ordnung aufrecht zu erhalten, das undankbare Personal zu führen, das sich auf Kosten der besseren Gesellschaft ernährt, und einem Kind Disziplin und Anstand beizubringen! Ja, all das habe ich geschafft, weil ich immer unnachgiebig und hart war. Auch zu mir selbst. Habe ich je Dankbarkeit für meine Aufopferung bekommen? Nein, aber alle leben sie von meiner Großzügigkeit.“

„Was ist mit Ihrem Sohn, Mrs. St. Williams? Es ist wichtig für uns“, versuchte Beverly einen weiteren Anlauf.

„Er ist mit siebzehn Jahren gestorben. Gehen Sie jetzt!“ Ihre Augen schienen aus den knochigen Höhlen hervorzutreten, eine dicke blaue Ader pulsierte an ihrer blassen Schläfe. „Gehen Sie, auf der Stelle.“

„Woran ist er denn gestorben“, säuselte Miller, „an Zucht und Ordnung?“

Hank! Das durfte jetzt nicht wahr sein. Beverly warf ihm einen wütenden Blick zu und sah an Victorias Gesicht, dass sie die Situation nicht mehr retten konnte. So ein dämlicherSchwachkopf. Mrs. St. Williams Augen waren glasig geweitet, sie begann in einer Lautstärke zu kreischen, dass Beverly glaubte, ihr würde das Trommelfell platzen.

„Wie können Sie es wagen, meine Bestrebungen so in den Schmutz zu ziehen. Gehen Sie, gehen Sie sofort. ...“ Sie stützte sich mit ihren hageren Händen auf der Sessellehne ab, ganz so, als wolle sie aufstehen, um die Fremden aus ihrem Haus zu jagen. Trotz ihrer dürren Gestalt wirkte sie bedrohlich. „Selbstzügelung hätte man Ihnen beibringen sollen. Sie werden für Ihr Benehmen zur Rechenschaft gezogen. ... Anstand, ich verlange Sitte und Anstand. Wagen Sie es nie wieder, hier zu erscheinen!“

Als sie die Tür hinter sich schlossen, schrie Victoria St. Williams noch immer in unverminderter Lautstärke. Die Worte Ordnung und Anstand verfolgten Beverly und Hank Miller bis in die Eingangshalle.

„Ganz fantastisch“, frotzelte Miller, „und was soll diese alte Hexe mit unserem Fall zu tun haben?“

Maria Clement begleitete sie zur Tür. „Sie ist oft sehr aufbrausend“, murmelte sie entschuldigend. „Haben Sie erfahren, was Sie wissen wollten?“

„Ehrlich gesagt, hat uns die alte Schachtel einen Hörschaden verpasst“, Miller hob seinen Zeigefinger und pulte demonstrativ in seinem Ohr.

„Nein“, antwortete Beverly bedauernd, „wir sind leider nicht weitergekommen. Aber wenn ihr Sohn verstorben ist, löst sich unsere Spur ohnehin in Nichts auf.“

„Ja, sie erzählt jedem, dass er tot ist, aber das stimmt nicht. Er ist mit siebzehn von zu Hause weggelaufen. Ich will Ihnen gern helfen, aber ich kann hier nicht darüber reden. ... Kann ich Sie heute Abend irgendwo treffen?“

„Maria“, kreischte die Stimme von der Balustrade herab. „Kommen Sie auf der Stelle hierher und setzen Sie endlich diesen Abschaum auf die Straße!“

Miller raste die kurvige Straße zurück auf die Kapelle zu, während Beverly sich Victoria St. Williams gemeinsam mit ihm auf einer einsamen Insel vorstellte.

„Die dicke Tratschtante will sich doch auch nur wichtig machen. Ich glaube nicht, dass da irgendwas herauskommt, außer dass wir noch eine Nacht in diesem Billighotel verbringen müssen. Die haben nicht mal einen wirklich guten Whisky. Alte Plörre, sag ich dir. Wir sollten zurück nach London fahren.“ Miller steckte sich einen Zigarillo an.

„Ich halte Maria Clement nicht für eine Tratsche. Hast du nicht gesehen, wie eingeschüchtert sie aussah, als die St. Williams dort oben stand? Ich werde auf jeden Fall heute Abend mit ihr sprechen.“

„Wir vergeuden unsere Zeit, Evans. Der Mörder läuft in London rum. Wir sollten besser dort ermitteln, als uns hier mit alten verrotteten Tanten und halbgaren Gerüchten zu befassen.“

Beverly, das ist jetzt der ideale Augenblick, um ihn loszuwerden.„Du kannst ja schon zurückfahren und in London auf Mörderjagd gehen.“ Ja, fahr bloß weg, du Idiot. „Ich mache die Sache mit Miss Clement allein. Ich könnte mit Sands und Henderson zurückfahren“, erwähnte sie wie beiläufig. „Sands würde mich sicher hier abholen. Bis Birmingham sind es doch nur ein paar Minuten.“

Miller hatte tatsächlich gepackt und war nach London aufgebrochen. Beverly hatte mit Sands telefoniert; es tat gut seine sanfte, ruhige Stimme zu hören. Sie würden morgen gemeinsam in den Yard zurückkehren, und sie konnte nicht leugnen, dass sie sich auf ihn freute. Es blieb ihr noch etwas Zeit bis zu ihrem Treffen mit Maria. Sie schlenderte durch die kleine Stadt, versuchte währenddessen an nichts mehr zu denken. Nicht an den Fall, nicht an Edward und Miller und auch nicht an Harold Sands. Dieser Spaziergang an der kühlen Luft gehörte ihr ganz allein.

Maria Clement betrat das Hotel wie eine Geheimagentin. Sie hatte ihren Mantelkragen hochgeschlagen und schaute sich um, bevor sie zu Beverly an den Tisch kam. Sie war sich offenbar bewusst, dass das, was sie jetzt tat, in Mrs. St. Williams Augen ungeheuerlich sein musste. Beverly bestellte zwei Kännchen Tee.

„Ich möchte nicht, dass Sie einen falschen Eindruck von mir bekommen. So etwas wie hier mache ich heute zum ersten Mal, und es geht mir nicht besonders gut dabei. Ich war immer loyal, aber wenn es um Mord geht...“, sie stockte, „deswegen sind Sie doch hier, Miss Evans? Wegen der Morde in London?“

Beverly lächelte. „Ja, das ist richtig. Wir haben einen anonymen Hinweis bekommen, dass es eine Verbindung zur Familie St. Williams geben könnte.“

„Das war sicher Dr. Bunting. Er ist schon seit dreißig Jahren der Hausarzt der Familie. Wir haben gestern telefoniert und haben über den neuen Fall gesprochen.“ Maria schluckte, mit ihren kurzen Fingern knetete sie den Tischtuchzipfel. „Als wir von dem ersten Mord in der Zeitung erfuhren, haben wir auch telefoniert. Jeder von uns hat gleich an Timothy gedacht. Das ist Mrs. St. Williams Sohn. Aber wir konnten uns nicht vorstellen, dass er damit etwas zu tun haben könnte.“ Sie schaute die junge Polizistin hilfesuchend an. „Nach so langer Zeit. Darum haben wir geschwiegen“, fügte sie hinzu.

„Warum haben Sie an Timothy gedacht? Was hat er getan?“ Maria atmete heftig ein und seufzte. Anscheinend wusste sie nicht, wie oder womit sie beginnen sollte.

„Trinken Sie erst einmal eine Tasse Tee, Miss Clement. Ich habe Zeit.“

Marias Hände zitterten, als sie die Tasse zum Mund führte. Der Verrat an ihrer Dienstherrin schien ihr Angst zu machen. All die Jahre hatte sie geschwiegen, nun ließ es sich nicht mehr vermeiden, die Loyalität zur Familie St. Williams zu brechen.

„Womit soll ich beginnen?“, fragte Miss Clement gedämpft.

„Erzählen Sie einfach alles, was Ihnen wichtig erscheint.“

Sie stellte die Tasse vorsichtig auf den Tisch zurück. „Timothy war wirklich ein wunderbares Kind, das sollten Sie wissen. Alles, was er getan hat, vielleicht auch diese Morde … er hat es getan, weil er eine grauenhafte Kindheit hatte. Als ich im Hause St. Williams meine Stelle als Zimmermädchen antrat, war ich sechzehn Jahre alt. Meine Eltern waren arm, deshalb war ich froh, ein Auskommen gefunden zu haben. Ich wohnte unterm Dach in einer kleinen Kammer und arbeitete wirklich hart. In diesem Jahr wurde Timothy geboren. Das war 1946. Zwei Jahre später starb Richard St. Williams bei einem Reitunfall. Seit dem Tage war alles anders. Timothy hatte keinen Vater mehr und Mrs. St. Williams keinen Mann. Sie ließ das Pferd töten. Sie trauerte nicht. Sie war schon vor diesem entsetzlichen Unfall eine Frau gewesen, die keinerlei Gefühlsregungen zeigte.“

Maria griff wieder zu ihrer Tasse. „Sie steigerte ihre Ideen von Selbstdisziplin, Ordnung, Sitte und Anstand ins Unermessliche. Es schien nichts anderes mehr in ihrem Leben zu geben. Genau das machte Timothys Kindheit zu einem Martyrium. Er besaß keine Spielsachen, er hat den Grund und Boden seiner Familie siebzehn Jahre lang nicht verlassen, und er hat niemals ein anderes Kind zu Gesicht bekommen. Stellen Sie sich das vor!“

Beverly stellte es sich vor, der Gedanke hinterlieĂź einen dumpfen Schmerz.

„Er war noch nicht einmal vier Jahre, da zwang sie ihn zum Klavierunterricht. Der Musiklehrer kam täglich fĂĽr zwei Stunden ins Haus, auĂźer sonntags. Sonntags musste Timothy ihr vorspielen. Als er fĂĽnf wurde, engagierte sie zwei Hauslehrer, die ihn täglich sechs Stunden unterrichteten; Lesen, Schreiben, Rechnen, Fremdsprachen, na, eben alles.“ Maria begann wieder, den Zipfel des Tischtuches zu kneten. „Sie fragen sich sicher, warum das Personal nichts dazu gesagt hat.“

Beverly lächelte matt. „Sie hatten Angst, ihre Anstellung zu verlieren, nehme ich an.“

„Ich war ledig, ich hätte weder Wohnung noch Arbeit gehabt. Ich wäre auf der StraĂźe gelandet. Das hätte dem Jungen nicht geholfen. Genauso ging es den anderen Bediensteten. Victoria St. Williams hatte alle und alles in der Hand.“  Miss Clements Blick wanderte auf ihre Hände hinab. „Manchmal haben wir ihm heimlich Kekse gegeben oder ihm ĂĽber den Kopf gestreichelt.“ Maria schaute plötzlich auf, als sei ihr etwas Furchtbares ins Gedächtnis gekommen. „Sie hat das nie getan. Können Sie sich vorstellen, dass es eine Mutter gibt, die ihr Kind nicht in den Arm nimmt, nicht auf den SchoĂź, ihm nicht durch die Haare streicht? Sie hat ihn nicht angefasst, ich hab es jedenfalls nie gesehen.“ Sie schenkte sich Tee nach und gab Zucker hinein. Während sie rĂĽhrte, schien sie völlig gedankenverloren.

„Was geschah dann mit dem Jungen?“

Maria räusperte sich. „Timothy wurde morgens immer vor sechs Uhr vom Kindermädchen, geweckt. Sie ondulierte ihm jeden Morgen die Haare, damit er hübsch aussah. Victoria St. Williams wollte einen Jungen mit goldenen Locken.“ Maria Clement sah sich um, bevor sie fortfuhr. „Danach wurde gefrühstückt, anschließend war Unterricht, dann folgten Mittagessen und wieder Unterricht. Dann gab es Tee, worauf die Klavierstunden folgten. Bei gutem Wetter durfte Timothy dann ein paar Minuten auf der Terrasse auf und ab gehen. Schließlich paukte seine Mutter ihm Benimmregeln ein, dann gab es Abendbrot, und er ging zu Bett. Tag für Tag, Monat für Monat …“

„ …und Jahr für Jahr“, ergänzte Beverly.

Maria standen Tränen in den Augen, als sie fortfuhr: „Timothy konnte sich nicht bewegen, ohne etwas falsch zu machen, dauernd schrie sie ihn an. Sie schrie, wenn er einen Fussel auf der Hose hatte, wenn seine Nase lief, wenn er sich am Klavier verspielte oder wenn er x-beinig vor ihr stand. Sie schrie, wenn er eine Minute zu spät oder eine Minute zu frĂĽh in den Salon kam. Sie schrie, wenn er zu viel oder zu wenig aĂź. Und der MaĂźstab dieses ganzen Wahnsinns war immer sie selbst. Sie schrie sogar, wenn er weinte, und sie schrie auch, wenn er krank war. Sie erwartete von ihm, dass er sich zusammenriss. Sie haben ja gehört, wie es ist, wenn sie wĂĽtend ist.“

Beverly spürte wie ihre Kehle enger wurde. „Ja, das habe ich“, sagte sie heiser. „Unfassbar, wie ein Kind solche Tiraden ertragen kann.“

Sie schwiegen. Beverly spürte, wie die Wut auf diese kaltherzige Person übermächtig in ihr aufstieg. Was sich vor Jahren in diesem Haus abgespielt hatte, war Kindesmisshandlung, es war seelische Grausamkeit in schlimmster Form.

„Als Timothy sieben Jahre alt war, kündigte der Klavierlehrer seine Arbeit. Er hatte genug von den Launen der Hausherrin, und ich denke, seine Existenz war auch ohne den Unterricht im Hause St. Williams gesichert. Der Junge bekam jetzt Unterricht bei Maggie Hunter. Von diesem Tag an liebte er das Klavierspielen, ich glaube, weil er Maggie liebte. Sie war eine fantastische, warmherzige Frau. Sie kümmerte sich rührend um das Kind. Sie ließ sich von Mrs. St. Williams nicht einschüchtern. Ich glaube, dass sie nur deshalb nicht entlassen wurde, weil Timothy unter ihrer Anleitung fantastische Fortschritte machte.“ Miss Clement rückte ihre Brille zurecht.

Beverly bestellte zwei weitere Kännchen Tee und wandte sich wieder der Hausdame zu.

„Es war natürlich auch für Maggie Hunter nicht leicht, trotzdem blieb sie fast zehn Jahre. Dann wurde Maggies Schwester schwer krank, und sie zog zu ihr nach Coventry, um sie zu pflegen. Es war eine Katastrophe für den Jungen. Es vergingen noch einige Wochen, dann geschah das Unglück.“ Maria strich den Zipfel, den sie zuvor zerknüllt hatte, ein wenig glatt. Unsicher wanderte ihr Blick zum Ober, der den Tee brachte, dann wieder zu der jungen rothaarigen Frau von Scotland Yard. Das Unvermeidliche wartete jetzt darauf, ausgesproche zu werden.

„Ich habe es bisher nur einem Menschen erzählt, Dr. Bunting. ... Es war ein regnerischer Sonntag damals. Seit Maggie Hunters Abschied war Timothy in schlechter Verfassung. An diesem Tag sollte er pünktlich zum Vorspielen im Salon sein, aber er hatte in seinem Zimmer geweint. Als er vor sie trat, muss es Mrs. St. Williams gleich aufgefallen sein. Seine Augen waren noch gerötet und ein wenig geschwollen. Solche Schwachheiten brachten sie zur Weißglut. Es war nicht anders zu erwarten, wir wussten, dass keine zehn Sekunden vergehen würden, bevor es losging. Und so war es auch. ... Sie kreischte wie eine Furie, es erschien uns an diesem Tag besonders schlimm. Sie hörte nicht mehr auf. Sie schrie und schrie. Dann hörten wir plötzlich ein Poltern. Danach war es still. Es blieb auch still.“ Maria atmete schwer. „ ... Ich bin dann mit Gregory, er war damals Hausmeister, hinaufgegangen. Da haben wir es dann gesehen. Sie lag am Boden und mit ihr die Stickerei an der sie arbeitete. Timothy hatte sich über sie gebeugt. Ihr Gesicht war voller Blut, auch seine Hände. Als er uns sah, sprang er auf und lief an uns vorbei, heraus aus dem Salon. Es war das letzte Mal, das ich Timothy St. Williams gesehen habe.“

„Was hat er mit ihr gemacht?“ Beverly wusste schon jetzt, welche Antwort sie bekommen würde, doch sie wollte es von Maria selbst hören. Sie brauchte die Aussage einer Zeugin.

„Er hat ihr mit der Sticknadel den Mund zugenäht.“ Maria hielt sich den Mund zu, als könne sie das Ungeheuerliche, dass sie gerade ausgesprochen hatte dadurch rückgängig machen. Doch Beverly ließ sie nicht aufatmen, ... noch nicht.

„Wie hat er es getan Miss Clement?“

Sie zögerte einen Moment, seufzte schwer. „Er hat den Faden einmal durch die Lippen gezogen und versucht ihn zuzuknoten.“

„Versucht?“

„Das Stickbild hing daran. Der Faden war schon sehr kurz. Er konnte ihn nicht verknoten. ... Gregory hat den Faden herausgezogen, weil Mrs. St. Williams nicht wollte, dass wir Dr. Bunting verständigten. Da hat er es getan. Er hat ihn herausgezogen.“ Maria schwieg einen Moment, so als wolle sie sich sammeln. „Etwa zehn Tage später kam Dr. Bunting wegen einer LungenentzĂĽndung zu Victoria St. Williams. Sie weigerte sich zu erzählen, woher sie die seltsamen Narben hatte. Sie erklärte ihm auch nicht, wo der Junge geblieben war.“ Maria wärmte ihre weichen, fleischigen Hände an der Teekanne. „Dann hab ich es ihm erzählt.“

„Sie wissen nicht, was aus Timothy geworden ist?“

„Ich hatte noch Briefkontakt zu Maggie Hunter. Etwa zwei Jahre nach Timothys Verschwinden schrieb sie mir, er lebe jetzt bei ihr, und es gehe ihm gut.“

Die beiden Frauen schwiegen wieder; jede für sich schien das Grauen ermessen zu wollen, das diese Geschichte barg. Victoria St. Williams hatte ihrem Sohn die Kindheit geraubt, sie hatte ihm verboten zu spielen, zu lachen, zu träumen. Sie hatte seine Seele zerbrüllt und dann, nach endlosen Jahren, hatte er sie zum Schweigen gebracht.

 

 

Freitag, 8. März

 

Sands und Henderson hatten Beverly frĂĽh morgens abgeholt. Sie hatte bereits auf dem Parkplatz gewartet. Ohne weitere Umschweife waren sie dann Richtung London aufgebrochen.

Es war noch nicht zehn, als sie das Dienstgebäude betraten. Beverly hatte sich im Wagen angeregt mit Patricia Henderson unterhalten und musste zugeben, dass sie sich wohl getäuscht hatte, dass sich hinter der perfekt gestylten Modepuppe eine unerwartet realistische Frau verbarg, die sich sicher schnell zu einer fähigen, selbständigen Kollegin mausern würde.

Im Yard herrschte hektisches Treiben. Arthur Hays hatte den Fall gelöst, den Miller zuvor in die Sackgasse gefahren hatte. Als sie den Korridor entlang zu Allisters Büro gingen, kam er ihnen in bester Laune entgegen.

„Schöne Grüße an Miller. Dan Apple war nicht der Täter, sein Cousin war’s.“

„Na, Glückwunsch, Hays. Wieder ein Punkt für Sie im endlosen Gemetzel mit Hank“, erwiderte Beverly lachend. Sie gönnte ihm den Erfolg.

Sie betraten das BĂĽro, in dem Superintendent Whitefield und Sergeant Stanton bereits warteten. Miller war noch nicht da, aber Beverly verkniff es sich nach ihm zu fragen.

„Wir bekommen Verstärkung“, warf Whitefield unvermittelt in die Runde. „Waterman ist immer noch krank, klar, wissen Sie alle.“  Whitefields Stimme rasselte, er hustete, bevor er fortfuhr. „Das bleibt auch so. Die Knie, irgendwas kompliziertes. Chief Superintendent O’Brian hatte endlich ein Einsehen. Er hat einen Bewerber fĂĽr die Vertretung herausgepickt. Daniel Fleming, er arbeitet am Institut fĂĽr Verhaltensforschung hier in London. Fleming wird uns hier unterstĂĽtzen, wann immer er sich vom Institut loseisen kann.“

„Wann wird das sein?“ Es kam wie aus einem Mund, Stanton und Henderson grinsten sich an.

„Er kommt morgen zur Dienstbesprechung.“ Whitefield kramte im Chaos seines Schreibtisches ein Dossier hervor. „Wir haben inzwischen die Untersuchungsergebnisse aus der Gerichtsmedizin.“

Die Tür flog auf und Miller trat feixend ins Büro, während er einen Zipfel seines Hemdes in den Hosenbund stopfte. „Na, alle zurück aus den billigen Absteigen?“ Er ließ seinen Blick demonstrativ zwischen Sands und Henderson hin und her wandern, doch niemand schenkte ihm Beachtung.

„Dan Apple war nicht der Täter, es war sein Cousin“, raunte Beverly ihm zu und genoss kurz den irritierten Ausdruck seines Gesichts.

Whitefield nahm den Faden wieder auf. „Wir haben die Untersuchungsergebnisse aus der Gerichtsmedizin. ... Sheila Moreno wurde niedergeschlagen, dann gefesselt. Danach nähte der Täter ihr den Mund zu. Er versuchte sie zu ersticken, hat ihr wahrscheinlich die Nase zugehalten. Sie war bewusstlos, sie verschluckte sich an ihrem Blut. Es war Blut in den Lungen. Daran ist sie gestorben.“ Er schaute auf seine Hände. „Im Labor werden noch Faserrückstände und Hautpartikel untersucht, alles was unter ihren Nägeln hing … viel war’s ja nicht. … Das wär’s erst mal von Dr. Morrow. … Lassen Sie uns die Ermittlungsergebnisse aus West Bromwich und Birmingham sichten, dann sehen wir weiter.“

Beverly zog ihr Notizheft, in dem sie nach dem Gespräch mit Maria noch einige Details festgehalten hatte, und begann, als Whitefield ihr zunickte: Sie beschrieb nicht nur das Gespräch mit Victoria St. Williams, sondern auch die unbeschreibliche Kälte, die sie dort empfunden hatte. Gelangweilt zündete sich Miller einen Zigarillo an und blies Patricia den Rauch ins Gesicht. Sie hustete, warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Beverly fuhr mit den Ausführungen über das Treffen mit Maria Clement fort, das abends im Hotel stattgefunden hatte. In Whitefields Büro war es seltsam still. Selbst Millers gleichgültiger Ausdruck wich aus seinem Gesicht; der Ärger darüber, dass er West Bromwich vorzeitig verlassen hatte, war ihm deutlich anzusehen.

„Timothy St. Williams wäre heute fünfundvierzig Jahre alt. Ich werde nachher die Meldebehörde in Coventry anrufen. Wie lange er bei Maggie Hunter gelebt hat oder ob er noch heute dort lebt, wird sich schon herausfinden lassen. Ich denke, dass er, was unsere beiden Fälle betrifft, dringend tatverdächtig ist“, schloss Beverly ihre Ausführungen.

„Das ist ja echt die Härte“, warf Stanton ein und fuhr sich mit der Hand durch die wilden Locken. „Einige Leute sollten wirklich keine Kinder kriegen.

Beverly sah in Sands Gesicht, er war offensichtlich höchst zufrieden mit dem, was sie herausgefunden hatte. Dann wanderte sein Blick zu Patricia.

„Würden Sie weitermachen, Miss Henderson?“

Beverly konnte Patricias Unsicherheit darüber, dass Sands ihr diese Aufgabe überließ, förmlich spüren. Sands lächelte ihr ermutigend zu.

„Der Mordfall geschah in einem Vorort von Birmingham am 25. Juli 1965. Die Ermordete hieß Carla Harwood. Sie war verheiratet. Ihr Ehemann, Frank Harwood, wurde als Hauptverdächtiger festgenommen. Er beteuerte seine Unschuld. Acht Tage nach seiner Festnahme erhängte er sich in der Gefängniszelle. Der Suizid wurde als Geständnis gewertet und der Fall zu den Akten gelegt.“

„Womit hat die Polizei damals den Tatverdacht gegen den Ehemann begründet?“ Stanton war anzusehen, dass seine grauen Zellen auf Hochtouren arbeiteten.

„Eins nach dem anderen“, bremste Henderson. „Das Ehepaar Harwood hatte einen Sohn, Daniel, zum Tatzeitpunkt sechs Jahre alt. Nach Aussage eines pensionierten Polizisten, den wir gestern aufgesucht haben, könnte der Junge die Tat beobachtet haben. In den Protokollen gibt es aber keine Aussage des Jungen. Er muss völlig verstört gewesen sein. Dann gab es noch eine Nachbarin. Sie kam gerade aus der Stadt, als Frank Harwood aus dem Haus lief. Seine Kleidung war voller Blut. Bei der Befragung sagte diese Nachbarin aus ... einen Moment ...“ Patricia blätterte mit ihren schlanken Fingern in den Unterlagen. „Hier ist es: Er kam aus dem Haus gerannt und war ĂĽber und ĂĽber mit Blut beschmiert. Ich sah auch an seinem Gesicht, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste. Er hatte den Jungen an der Hand. ‚Nehmen Sie den Jungen. Nehmen Sie den Jungenmit’, hat er immer wieder gerufen. ‚Und holen Sie die Polizei. Carla ist tot.’ Dann bin ich mit dem Kind losgelaufen. Daniel hat nicht geweint. Er hat auch nichts zu mir gesagt. Er hat sich nicht umgesehen. Es war schrecklich. Dann sind wir angekommen. Den Rest wissen sie ja. Das war’s.“ Patricia schaute auf, und Stanton kniff die Augen zusammen.

„Sie haben ihn festgenommen, weil er voller Blut war?“, fragte er irritiert. „Vielleicht hat er sie gefunden, vielleicht hat er nur versucht ihr zu helfen?“

„Das könnte sein, Frank Harwood war Arzt“, fuhr Henderson fort. „Allerdings“, sie stockte einen Moment, „Carlas Mund wurde mit einer chirurgischen Nadel zugenäht, die mit ziemlicher Sicherheit aus seinem Notfallkoffer stammte.“

„Die kann jeder genommen haben“, entgegnete Beverly, „warum hätte er seine Frau umbringen sollen? Gibt es Aussagen über die Familienverhältnisse?“

„Die gibt es. Demnach konnte sich keiner, weder Nachbarn noch Bekannte der Familie, vorstellen, dass Frank Harwood seine Frau umgebracht haben sollte.“

Sie schwiegen; jeder schien gedanklich an der Frage zu hängen, ob damals in Birmingham ein Unschuldiger in der Zelle starb.

„Fakt ist“, unterbrach Sands die Stille, „dass in diesem Fall nicht gründlich genug ermittelt wurde und die Aktenführung schlampig war. Die Unterlagen, die uns zur Verfügung standen, waren mehr als lückenhaft. Der Verbleib des Kindes ist zum Beispiel ungeklärt. Der Junge wurde zunächst zu Freunden der Familie und anschließend gegen deren Willen in eine Pflegefamilie gegeben. Weiteres war nicht vermerkt. Nicht einmal die Namen dieser Familien. Wir haben dann Verwaltungsakten bei Gericht eingesehen. Der Vormund, der das Vermögen des Kindes verwaltete, wurde nach etwa einem Jahr entlassen. Später wurde jemand in London für dieses Amt vorgeschlagen. Es ist also wahrscheinlich, dass die Pflegefamilie mit dem Jungen nach London gezogen ist.“

„Wir wollten mit dem Mann sprechen, der anfänglich die Vormundschaft führte, aber er ist bereits verstorben. Er muss schon damals nicht mehr der Jüngste gewesen sein. Ich war dann in Birmingham in der Jugendbehörde, um etwas über diese Pflegefamilie herauszufinden“, ergänzte Patricia. „Die stöbern jetzt in ihrem riesigen Archiv. Ich hoffe, dass wir den Namen dieser Familie bald auf dem Schreibtisch haben.“

„So“, Allister Whitefield erhob sich schwerfällig aus seinem Stuhl, er schlurfte ans Fenster. „Wir fassen zusammen. ... Timothy St. Williams könnte der Täter sein. Er hat Zwischenstation in Birmingham gemacht, Carla Harwood getötet und lebt jetzt in London, wo er 1989 die zweite Tat verübte, an Laurie Hardin. Warum hat er von 1966 bis 1988 nicht gemordet? … Oder hat er doch? … Gibt es uns unbekannte Fälle? Und wenn er jahrelang nicht getötet hat, warum? … War er vielleicht schon aus dem Verkehr gezogen? Knast oder Anstalt?“ Whitefield räusperte sich, hustete dann heiser. „Ebenso gut könnte der Sohn der Familie Harwood, zweiunddreißig müsste er jetzt sein, die Tat begangen haben. Haben dann Birmingham und West Bromwich noch miteinander zu tun? Daniel Harwood sieht, wie seine Mutter stirbt. Nicht gerade ein Anblick für ein Kind. Der Vater erhängt sich. Kann ein Kind damit fertig werden?“

„Das würde erklären, warum lange Jahre nichts geschehen ist“, warf Stanton ein, „Harwoods Sohn war noch ein Kind. Vielleicht hat er auch als Erwachsener noch gegen die Erlebnisse angekämpft und letztendlich doch die Kontrolle über sich verloren. Vielleicht hat er tatsächlich damals den Tod seiner Mutter mit angesehen und muss alles zwanghaft wiederholen.“

„Wir mĂĽssen sie beide finden, Timothy St. Williams und Daniel Harwood, … beide, ist das klar?“, schloss Superintendent Allister Whitefield und alle, die sich in dem engen, verrauchten BĂĽro aufhielten, schienen sich schon innerlich mit dem nächsten Schritt zu beschäftigen.    

„Nichts, wieder nichts“, jammerte Henderson und legte den Hörer auf. „Es scheint fast so, als wären alle Unterlagen über Daniel Harwoods Pflegefamilie absichtlich beiseite geschafft worden. Warum gibt es nirgendwo einen Eintrag? Wie soll ich so irgendwas herausfinden, Bev?“ Die beiden Frauen belagerten das chaotische Büro, Stanton hatte, nachdem er keine Chance gesehen hatte, irgendein Telefonat dazwischenzuschieben, die Flucht ergriffen. Beverly bemerkte erst jetzt, während sie aus dem Aktenberg aufsah, dass er fort war. Sie goss Patricia Tee nach und schob den Zucker zwischen den Stapeln aus Papier und Akten hindurch über den Schreibtisch. „Vielleicht wollten sie den Jungen und sich vor der Öffentlichkeit schützen“, sinnierte sie und füllte ihre eigene Tasse. „Vielleicht hat die Pflegefamilie das Kind nur unter der Bedingung aufgenommen, dass niemand davon erfährt … bei der Vorgeschichte.“

„Es muss aber doch was Offizielles geben.“

„Versuch’s hier in London bei Gericht, Pat. Such nach einem Eintrag über den zweiten Vormund.“

Patricia wühlte im Karteikasten nach der Nummer. Beverly seufzte, denn auch die Spur in Coventry löste sich langsam in Nichts auf. Maggie Hunter war 1982 im Krankenhaus nach einem Schlaganfall verstorben. Sie hatte ihr kleines Haus einer entfernten Verwandten vermacht, die jedoch nicht ausfindig gemacht werden konnte. Ein Timothy St. Williams war nie in Coventry gemeldet gewesen, weder unter Maggies Adresse noch sonst wo. Es gab auch keinen Eintrag in Birmingham. Selbst in London gab es niemanden, der Timothy St. Williams hieß und etwa fünfundvierzig Jahre zählte.

Im Gedränge zwischen Tausenden von Autos kreisten Beverlys Gedanken, aber sie kam zu keinem Ergebnis. Wie lange hatte Timothy St. Williams bei Maggie Hunter gewohnt? War es nur ein kurzes Gastspiel gewesen oder lebte er bis zu ihrem Tod in dem Haus in Coventry? Wann und wo gab es ein letztes Lebenszeichen von ihm? Vielleicht lebte er unter falschem Namen irgendwo in der Anonymität einer größeren Stadt, wahrscheinlich in London, wenn er der Täter war. Es war illusorisch,  ihn unter diesen Umständen jemals aufspĂĽren zu können. Beverlys Wagen machte einen Ruck und hustete wie jemand, der eine schwere Bronchitis verschleppt hatte. Morgen frĂĽh, gleich morgen frĂĽh rufst du in derWerkstatt an.

 

 

Samstag, 9. März

 

Gütiger Himmel! Der Blick auf die Uhr zwang Beverly, den Tag im Zeitraffer zu starten. Sie hatte verschlafen, ihr Kopf hämmerte. Sie steckte ihr Haar hoch, hetzte unter die Dusche und ärgerte sich. Es war ihr am Vorabend schwer gefallen einfach abzuschalten. Sie hatte sich bis weit nach Mitternacht von Musik und Rotwein einlullen lassen, bevor sie in ihr Bett gekrochen war. Jetzt bekam sie die Quittung. Das Schlafzimmer sah aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. Sie griff die nächstbesten Jeans und einen schwarzen Pulli und spülte eine Kopfschmerztablette mit etwas Orangensaft hinunter. Das Frühstück musste ausfallen. Unwillkürlich kam ihr Miller in den Sinn.

Als Beverly den Yard betrat, war sie beinahe fünfzehn Minuten zu spät. Sie fuhr mit dem Aufzug hinauf, hastete den Korridor entlang, und stürmte ohne zu klopfen in Whitefields Büro, wo sie direkt an der Tür mit dem attraktivsten Mann zusammenstieß, der ihr seit Sands begegnet war. „Tut...mir...leid“, stammelte sie, und wich dem Blick seiner tiefblauen Augen aus.

„Ich werde es überleben“, antwortete er scheinbar ungerührt.

Beverlys Magen schien mit einer Kanne viel zu heißen Tees gefüllt. „Habt ihr schon angefangen?“, versuchte sie wie beiläufig zu klingen. Sie setzte sich auf einen der freien Stühle und bemühte sich, locker zu wirken. Sands hatte sofort bemerkt, was in ihr vorging. Sie konnte es ihm ansehen, während er mit völlig gelassener Miene ihren Blick taxierte. Dir entgeht wohl gar nichts. Sie warf einen finsteren Blick zurück, und er lächelte.

„Endlich … wir können weitermachen“, raunzte Whitefield.

„Das ist Daniel Fleming, Psychologe. Vertretung für Victor Watermann.“ Allister rückte seinen Stuhl zurecht und ließ sein altbekanntes Räuspern hören. „Fleming arbeitet seit 1987 am Institut für Verhaltensforschung … forensische Psychologie, sie wissen schon.“ Er schaute kurz in die Runde und hob dann wieder an. „Fleming, Sie können Ihren Marsch durch die verschiedenen Bereiche antreten. Stanton, zeigen Sie ihm alles … aber zügig. Wenn Sie durch sind, wird Sergeant Evans Ihnen ein paar Takte zu unserem Fall sagen.“

Beverly sah den Neuling an. Tja, Evans. Hättest du das nur vorher gewusst. Dann wärst du  hier nicht wie ein Altkleiderständer aufgelaufen.

„Schwul“, raunte Miller nachdem Fleming das Büro verlassen hatte.

„Unsere Ermittlungen stecken fest. Die Spuren der Tatverdächtigen …“ Whitefield runzelte die Stirn; mit der rechten Hand hob er eine Mappe vom Tisch auf. „St. Williams scheint untergetaucht zu sein. Na ja, vielleicht unter anderem Namen. Dieser Daniel Harwood … ich denke mal, dass die Behörden ihn geschĂĽtzt haben … damit er Ruhe hat. Damit die Pflegefamilie nicht belästigt wird. Sie wissen schon.“ Whitefield wirkte abgearbeitet, sein graues Haar war im Neonlicht beinahe weiĂź. Seine Wangen hingen schlaff herab, die Falten um seinen Mund schienen sich in den letzten Tagen noch tiefer eingegraben zu haben. Zwei ungelöste Fälle und die Tatsache, dass es vor zwanzig Monaten einen riesigen Pressetumult gegeben hatte, das musste wie ein Felsbrocken auf ihm lasten. „Ich will Informationen ĂĽber jedes wichtige Detail, und das sofort. Und ich will Ergebnisse, verdammt noch mal.“ Alle im Raum sahen den Superintendent an. Es war eindeutig, dass er Druck von oben bekommen hatte und unschwer zu erkennen, dass er ihn jetzt ungefiltert an das Ermittlerteam weitergab. Beverly seufzte leise. Was sonst sollte er auch tun? Sie waren, von Miller vielleicht abgesehen, alle motiviert an diesen Fall herangegangen, aber der Stillstand zehrte an den Reserven.   

„Ran jetzt“, hob Whitefield ein letztes Mal an.

Niemand sprach ein Wort, als sie sein BĂĽro verlieĂźen. 

„Nun“, begann Daniel Fleming, „dann bringen Sie mich mal auf den neuesten Stand der Dinge.“ Der Psychologe hatte sich Beverly gegenĂĽber hingesetzt; sie war fasziniert von seiner Ausstrahlung. Niemals vorher hatte sie solche Augen gesehen, strahlend aber dennoch voller Melancholie. Sein dunkelblondes Haar war kurz geschnitten und ein wenig verwuschelt. Es gab seinem Ă„uĂźeren etwas Verwegenes. Seine GesichtszĂĽge waren wie das Werk eines Bildhauers, klassisch schön. Vermutlich war sein dunkler Anzug maĂźgeschneidert. Doch eines gefiel Beverly besonders gut an diesem Mann: Er trug keinen Ring.

„Wir ermitteln in zwei Mordfällen. … Die Recherchen haben uns bis ins Jahr 1963 zurückgebracht.“ Beverly berichtete über alle Anhaltspunkte, die bisher von den Kollegen zusammengetragen wurden, legte die Ergebnisse der Gerichtsmedizin vor, zeigte Fotos der Opfer. Sie erläuterte die Vermutungen, die hinsichtlich der möglichen Täter aufgekommen waren, und begründete das Für und Wider ihrer Theorien. Fleming lauschte ihren Ausführungen und immer wieder fühlte sich Beverly von seinem Blick seltsam berührt. „Inzwischen sind wir an einem Punkt angekommen, der nicht mehr viel hergibt“, schloss sie und schaute ihn abwartend an.

Er zog die Augenbrauen hoch und atmete hörbar ein. Rein optisch, befand Beverly, war dieser Mann ein Volltreffer. Ob er Victor auch fachlich das Wasser reichen konnte, das bezweifelte sie. Allein beim Klang des Wortes Institut, schwebte Beverly der Gedanke an staubtrockene Theorie im Kopf, nichts, das mit der Realität zu tun hatte. Außerdem hatte er, das stand für sie von vornherein fest, keinen blassen Schimmer von Polizeiarbeit, von den Strukturen und den ungeschriebenen Gesetzen. Victor würde zurück sein, bevor sich dieser Fleming überhaupt halbwegs eingearbeitet hatte.

„Sie warten aber jetzt nicht darauf, dass ich hier auf der Stelle den ultimativen Geistesblitz liefere?“, holte er sie aus ihren Gedanken.

Sie lächelte. „Was sonst?“

„Ein wenig Einarbeitungszeit müssen Sie mir zubilligen.“

„War ein Scherz!“

„Sie arbeiten schon länger hier?“

„Ja“, sie hielt kurz inne, „es sind inzwischen vier Jahre.”

„Sie wirken ziemlich abgeklärt“, stellte er fest und fixierte sie mit seinen dunklen Augen.

„Das war kein Kompliment.“ Sie konnte keine Reaktion in seiner Mimik lesen, spĂĽrte gerade deshalb das BedĂĽrfnis sich zu erklären. „Das ist Selbstschutz. Das mĂĽssten Sie doch wissen!“ 

„Ja, in der Tat. Kann ich die Unterlagen noch einmal in Ruhe durchsehen?“

Beverly stapelte die Dossiers und reichte sie ihm. Er schob sich eine Lesebrille auf die Nase; sie betrachtete ihn. Die Vorstellung, ihm die Brille wieder abzunehmen, um ihn zu küssen. … aber warum hatte sie plötzlich das wirklich alberne Gefühl, sie würde Sands betrügen? Sie seufzte.

Sie ließ Fleming in dem kleinen Büro allein, weil er sich entschieden hatte, die Akten gleich hier und auf der Stelle durchzuarbeiten. Verdammt, wieso kam sie von dem Gedanken an Sands nicht los? Er war verheiratet. Er hatte ihr nicht ein einziges Mal einen Anlass zu der Hoffnung gegeben, sie hätte eine Chance bei ihm. Und du, Evans, bist trotzdem hoffnungslos in ihn... Vergiss es endlich! Ja, sie wollte einen Mann an ihrer Seite, aber einen Mann der ihre Gefühle erwiderte. War nicht gerade Sands derjenige, der diese Sehnsucht nie erfüllen würde? Warum übte er einen so unwiderstehlichen Reiz auf sie aus? Wenn sie ernsthaft daran dachte, eine überlebensfähige Beziehung mit einem anderen Mann einzugehen, dann musste sie lernen, die Gefühle für Harold Sands endlich hinter sich zu lassen. Ihr Privatleben hatte sich auf Belanglosigkeiten reduziert, sie arbeitete lieber, als sich der Einsamkeit ihrer Wohnung zu stellen, als sich dort mit der Frage zu beschäftigen, warum sie sich immer die falschen Männer aussuchte. Wollte sie ernsthaft so weitermachen? Es hätte so einfach sein können. Sie brauchte es nur zuzulassen.

Es war Dienstschluss; das Unbehagen, das sich in Form des

Wochenendes genähert hatte, war jetzt unabwendbar da. Beverly hatte ihrer Mutter versprochen, dieses Wochenende bei ihr in Aldermaston zu verbringen, aber sie bereute es schon jetzt. Während sie ihre Reisetasche packte, grübelte sie über passende Ausreden nach, vielleicht sollte sie sich einfach krank ins Bett legen. Sie schminkte sich und sah dabei das Schuldbewusstsein in den grünen Augen. Sie hatte versprochen zu kommen, ihre Mutter hatte Geburtstag.

Aldermaston war ein kleiner Ort, etwa fünfzig Kilometer westlich von London. Sie erinnerte sich daran, wie frei sie sich gefühlt hatte, als sie die provinzielle Enge endlich hatte verlassen können. Besonders heute spürte sie, wie bedrückend es war, dorthin zurückzukehren. Stell dich nicht so an, Beverly, es ist ja nur füreine Nacht. Sie warf die Tasche in den Wagen und machte sich im verebbenden Tageslicht auf den Weg. Sie verließ die beleuchteten Straßen und fuhr hinaus in die Dunkelheit.

Was hatte dieser Fleming gesagt? Abgeklärt? Pah, was wusste er denn schon von ihr? Ja, sie war froh, wenn es ihr gelang, die grausamen Bilder verdrängen zu können, wenn sie nicht ständig darüber nachdenken musste. Sie war froh darüber, wenn sie einen kühlen Kopf bewahren konnte. Kühl, nicht kalt, denn es war immer noch die Bereitschaft da, Mitgefühl zuzulassen. Zumindest sich selbst gegenüber konnte sie zugeben, dass es oft wehtat. Was wusste schon dieser Daniel Fleming!

Peggy Brown war eine hagere, hochgewachsene Frau Anfang vierzig, deren verkniffener schmaler Mund und die restlos weggezupften Augenbrauen sie wesentlich älter wirken lieĂźen. Ihre blassgrĂĽnen Augen wirkten tonlos und matt, das kurze rote Haar kräuselte sich wie eine Pudelfrisur um das blasse Gesicht. Sie trug einen geblĂĽmten Rock, der die Knie bedeckte, dazu eine schlichte weiĂźe Bluse. Förmlich reichte sie Beverly die Hand,  ihre schmalen Lippen versuchten ein Lächeln. „Hallo Bevy-Baby, immer noch solo?“

„Hallo, Peggy.“ Beverly schob sich mit ihrer Tasche durch den engen Flur und stellte sie auf die Treppe. „Wo ist Mum?“

„In der Küche, wie immer.“ Peggy drängte sich an ihrer jüngeren Schwester vorbei und öffnete die abgeblätterte weiße Tür an der Stirnseite des Flures. „Mum, Bevy ist da.“

Mrs. Evans hätte nicht leugnen können, dass Peggy ihre Tochter war. Sie war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Mit Beverly hatte sie, wenn man von den kupferroten Haaren und den grünen Augen einmal absah, nichts gemein. Melinda Evans Statur war von Arbeit gebückt, ihr Gesicht von Falten durchzogen und genauso verkniffen wie das ihrer ältesten Tochter. Ein Großteil ihres kurzgeschnittenen Haares war ergraut. Sie drehte sich zu Beverly um. „Hallo, Kind. Bring deine Sachen rauf.“ Wortkarg wie sie war, wandte sie sich wieder dem Herd zu. „Da ist sie wieder“, dachte Beverly „Mums Angst, … Mums Angst vor Peggys Missgunst.“

Das Gästezimmer war einmal Beverlys Zimmer gewesen, doch nichts erinnerte mehr daran. Peggy hatte jegliche Erinnerung an ihre jüngere Schwester aus diesem Raum verbannt. Eine Schlafcouch, ein Kleiderschrank und ein Sessel waren die einzigen Möbel. Der weiß geflieste Boden, die hellblauen schlichten Vorhänge und die weiße Tapete gaben dem Raum etwas Kaltes. Es war nichts vorbereitet. Peggy zeigte ihr wieder einmal deutlich, was sie vom Besuch ihrer Halbschwester hielt. Beverly zog die Schlafcouch auseinander. Sie nahm die Bettwäsche aus dem Schrank, um die Decke zu beziehen, die zusammengeknautscht auf dem Schrank gelegen hatte. Es war ja nur für eine Nacht. Sie blickte aus dem Fenster und sah Peggy mit einer Taschenlampe über den Hof zum Hühnerstall gehen.

Es könnte alles ganz normal sein, es könnte sogar schön sein, ohne diese ständige und sinnlose Eifersucht. Ja, genau das ist es, diese Eifersucht macht alles kaputt. Beverly ging hinunter in die Küche. Was immer ihre Mutter da zusammenbraute, es duftete köstlich. „Wie geht’s dir, Mum?“ Sie schob Melinda ein kleines Bündel Geldscheine in die Schürzentasche und streichelte ihr unsicher über den Rücken. „Das gibst du nur für dich aus, Mum, kauf dir irgendwas Schönes, ja?“

Mrs. Evans blickte auf. „Bevy, du weißt, dass ich nichts brauche. Peggy und Robert sorgen für mich.“

„Ich will, dass du es nimmst, Mum. Kauf dir was Schönes zum Anziehen, irgendwas, nur für dich.“

„Die Küche bräuchte einen neuen Anstrich, Farbe könnte ich kaufen.“

Beverly seufzte.

„Hier sind die Eier, Mum“, Peggy hielt kurz inne, ihr argwöhnischer Blick sprang zwischen den beiden Frauen hin und her, „Bevy, du hast ihr doch nicht schon wieder Geld gegeben“, sagte sie vorwurfsvoll. Melinda senkte schuldbewusst den Kopf.

„Du kümmerst dich auch sonst nicht um Mum, also lass das! Sie hat alles, was sie braucht.“

„Peggy, das ist unfair! Du weißt, dass ich nicht ständig von London rüberkommen kann; ich bin ja auch dankbar, dass ihr bei Mum wohnt und sie nicht allein ist. Aber wirf mir das nicht ständig vor. Du wolltest schließlich nie von hier weg!“

„Ach, Kinder, mĂĽsst ihr euch denn immer streiten?“ 

Peggy rümpfte die Nase, sie verließ mit einem Stapel Teller in den Händen die Küche. „Ich decke den Tisch, Robert wird gleich kommen, und Tante Rebecca ist sicher auch schon im Anmarsch.“

Robert Brown kam pünktlich von der Schicht. Er war Maschinenführer in einer Fabrik in Reading. Nachdem er sich frisch gemacht und umgezogen hatte, gesellte er sich zu ihnen. Robert und Peggy hatten gleich nach Beverlys Auszug geheiratet und das Haus umgebaut. Beverly war es damals so vorgekommen, als habe Peggy nur darauf gewartet, ihre Schwester endlich loszuwerden. Das war nun schon fast zehn Jahre her. Robert war ein etwas untersetzter Mann, aber seine lebhaften runden Augen strahlten mit einer Selbstverständlichkeit, dass es jeden ansteckte. Sein glattes dunkelblondes Haar war sauber gescheitelt, seine rundlichen Wangen glühten. „Hallo, da ist ja meine allerliebste Schwägerin.“ Er riss sie an sich und drückte sie mit solcher Inbrunst, dass sie glaubte, ihre Rippen würden zu splittern anfangen.

„Hey, Robert. Lass meine Knochen heil.“

„Ja, ja, die Evans-Frauen. Irgendwie hat man nie richtig was in den Armen.“ Er grinste.

Beverly war sich sicher, dass Robert es nur mit ihrer knurrigen Schwester aushielt, weil er alles mit Gelassenheit nahm und selbst ihre Spitzen mit Humor ertrug. Sie mochte ihn. Er strahlte die Herzlichkeit aus, die Peggy fehlte, er brachte Wärme in dieses Haus. Es war schön zu sehen, wie nett er mit seiner Schwiegermutter umging. Es war erstaunlich, wie er es immer wieder schaffte, Peggy trotz ihrer Launen um den kleinen Finger zu wickeln. Er war der ideale Mann für sie, optimistisch, locker und leidensfähig.

Er setzte sich und blickte erwartungsvoll über den gedeckten Tisch. „Na, was gibt es denn Gutes?“

„Kannst du immer nur ans Essen denken, Robert?“, erwiderte Peggy gereizt.

„Ans Essen, ans Kochen und an dich“, lachte er.

„Hör auf damit. Bevy, setz dich da rüber. Wo bleibt Tante Rebecca? Kann sie denn nie pünktlich sein? Sie hat es sicher vergessen. Oder sie treibt sich wieder rum.“ Es klingelte, als Peggy sich gerade gesetzt hatte. Sie stand mit einem wütenden Schnauben wieder auf.

„Ich kann hingehen“, warf Beverly ein, aber Peggy schob sich an ihr vorbei. „Nein, du nicht!“

Rebecca war zwei Jahre älter als ihre Schwägerin, aber im Gegensatz zu Melinda sah man ihr das Alter nicht an. Sie war trotz ihrer dreiundsechzig Jahre ein Hingucker, modisch gekleidet, dezent geschminkt, immer perfekt frisiert. Tante Rebecca war Dauergesprächsstoff in Aldermaston. Beverly wusste, dass ihre Schwester diese Tatsache peinlich fand. Peggy war der Ansicht, dass Rebecca sich völlig daneben benahm, weil sie immer wieder dem einen oder anderen Witwer der Stadt den Kopf  verdrehte.

Rebecca verlor keine Zeit und stürmte auf Beverly zu. „Wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen? Mein Gott, Beverly, schön wie die Venus.“

„Danke, ich gebe das Kompliment unverändert an dich zurück. Wie geht es dir?“

„Bestens. Ich bin frisch verliebt.“ Rebecca setzte sich neben Robert und puffte ihm mit dem Ellenbogen in die Seite.

Er lachte. „Hilfe, diese scharfe Tante baggert mich immer an.“

Peggys Ausdruck war wie versteinert. Rebecca nestelte in ihrer Handtasche und zog ein kleines Päckchen hervor. „Schwesterherz, für dich.“

„Wir wollten diese Schenkerei doch sein lassen“, mäkelte Peggy.

„Du vielleicht. Was ich tue, musst du mir schon selbst überlassen. Ich bin schließlich alt genug“, konstatierte Rebecca ruhig.

„Ja, vor allem alt.“

Robert warf seiner Frau einen wütenden Blick zu, aber Rebecca lächelte beschwichtigend. „Was manchmal von Vorteil ist, weil man im Alter viele Dinge nicht mehr so verkniffen sieht.“

„Wenn du das Lotterleben meinst, über das sich alle das Maul zerreißen!“

„Peggy!“ Robert war aufgesprungen; Beverly hatte ihn noch nie mit einem solch unbeherrschten Gesichtsausdruck gesehen. Rebecca zog ihn am Ärmel zurück auf seinen Stuhl. „Liebe Nichte. Wir sollten das klären, bevor wir deiner Mutter den Geburtstag verderben. Merke dir bitte: Es ist ganz allein meine Sache, wie ich mein Leben lebe, solange ich niemandem damit schade. Wenn die so genannten Leute darüber tratschen wollen, so sollen sie es meinetwegen tun. Es lässt mich kalt, weil es mit der Wahrheit wenig gemein hat. Wenn du allerdings glaubst, Peggy, ich würde dir schaden, weil ich die Familie dadurch in den Schmutz ziehe, dann kannst du allen gern sagen, dass du mit deiner Tante nichts zu schaffen hast.“ Sie nahm ihr Glas und prostete allen zu. „Gegen das Gerede kann ich dir übrigens Ohrstöpsel empfehlen. Lasst uns jetzt trinken, auf Melinda Evans und die einundsechzig Jahre, die sie auf dieser Erde weilt.“

Sie stießen an und tranken, während Peggy mit hochrotem Kopf hastig das Zimmer verließ.

„Ja, du hast Recht“, keifte sie, bevor sie die Tür zuschlug, „du und Bevy, ihr seid wirklich eine Schande für die ganze Familie.”

 

 

Sonntag, 10. März

 

Beverly stand am Morgen früher auf als der Rest der Familie. Sie wollte im Bad fertig sein, bevor sich Peggy darüber beschweren konnte, dass sie es blockierte. Sie hatten noch einen schönen Abend verbracht, ... ohne sie. Obwohl Robert ihr nachgegangen war, um sie zu beschwichtigen, hatte sie sich geweigert, in diese Runde zurückzukehren. Sie hatte sich nicht mehr blicken lassen. Robert jedenfalls hatte sich seine Laune davon nicht verderben lassen.

Beverly warf ihren Mantel über und wagte trotz des leichten Nieselregens einen Morgenspaziergang durch das verschlafene Dorf. Es dämmerte, aber der wolkenverhangene Himmel schien das langsam aufkeimende Tageslicht zu verschlucken. Sie bog in einen schmalen Weg, den sie als Kind oft gegangen war, ließ die Häuser hinter sich und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Warum konnte Peggy sie nicht einfach in Ruhe lassen? Sie hatte doch das Leben, das sie sich gewünscht hatte, ein Haus und einen netten Mann. Na ja, das Geld floss nicht gerade in Strömen, und eigentlich hatte sie schon immer vom sozialen Aufstieg geträumt. Aber den gab es nun einmal nicht, wenn man um alles in der Welt in Aldermaston bleiben wollte. Immer wenn Peggy über verpasste Chancen nachdachte, war Robert schuld, er hatte keinen Ehrgeiz, war zu genügsam, er war zufrieden mit seiner Arbeit und seinem Leben, ... und er war zeugungsunfähig. Das allerdings hatte Peggy schon vor ihrer Hochzeit gewusst. Dann, als mit den Jahren ihr Wunsch nach einem Kind immer stärker wurde, zog Peggy den Kreis aus Missgunst und Unzufriedenheit immer enger um sich selbst. Wen wunderte es da, dass sie immer unglücklicher wurde?

Der Regen wurde stärker, deshalb trat Beverly den Rückweg an. Sie konnte ihrer Schwester nicht helfen, sie selbst war ja der Grundstein aller Probleme. Ohne besondere Berechtigung hatte sie sich vor neunundzwanzig Jahren in die traute Zweisamkeit von Mutter und Tochter gedrängt, hatte Peggy gezwungen, ihre geliebte Mutter mit jemand anderem zu teilen. Peggy würde es nie akzeptieren, niemals würde sie zugeben, dass Beverly das gleiche Recht auf ihre Mutter hatte wie sie selbst. „Du bist nur das Ergebnis einer abscheulichen Nacht. Weiter nichts.“ Diesen Satz wurde Beverly nicht wieder los, seit Peggy ihn im Streit und mit dem Brustton fester Überzeugung ausgesprochen hatte.

Es schien, als hätten sich mit den dunklen Gedankengängen auch die schwarzen Wolken vollends geöffnet. Es goss Bindfäden. Beverly rannte das letzte Stück zum Haus, erreichte die schmale Überdachung der Haustür, klingelte und lehnte sich prustend an die Wand. Robert öffnete. „Ich hab dich laufen sehen. Hohe Luftfeuchtigkeit“, grinste er und warf ihr ein Handtuch zu. „Ich hab uns ein erstklassiges Frühstück gemacht.“ Beverly zog den tropfnassen Mantel aus und frottierte ihr Haar. „Na fantastisch, das ist genau das, was ich jetzt brauche. ... Hat Peggy sich beruhigt?“

Robert seufzte, die Antwort lag klarer in der Luft, als er sie hätte aussprechen können.

„Mm. Keine Panik. Nach dem Frühstück seid ihr mich wieder los.“

„Meinetwegen kannst du auch länger bleiben. Das weißt du hoffentlich?“

„Ja, Robert.“ Sie lächelte. „Aber ich wollte sowieso zeitig zurück.“

Melinda trat in den Flur und fuhr ihrer Tochter mit den Fingern durch das nasse Haar. „Bevy, warum bist du immer so unvernünftig? Du holst dir noch eine Lungenentzündung.“ Ihre Mutter musterte sie besorgt.

„Ist sie doch selbst schuld. Du weißt doch genau, dass sie immer nur macht, was sie will“, giftete Peggy, die in einem türkisen Jogginganzug die Treppe herunterkam.

„Wollt ihr streiten oder frühstücken?“ Robert runzelte die Stirn, er betrat das Esszimmer wo er sich setzte. Die drei Frauen folgten ihm.

„Du solltest deine Haare schneiden lassen“, brachte Melinda mit einem Seufzer hervor. „Männer denken doch immer … langhaarige Frauen sind leicht zu haben.“

„Nicht wieder das Thema“, stöhnte Beverly.

Peggy zog die gemalten Augenbrauen hoch. „Die kriegt doch nie einen ab. Dafür ist unsere Prinzessin viel zu anspruchsvoll.“

Robert schaute auf, er lächelte Beverly zu. „Lass dir bloß nichts einreden. Deine Haare sind toll so. Wäre schade um jeden Zentimeter.“

„Robert“, zischte Peggy zurück, „würdest du zur Abwechslung mal zu mir halten?“

„Ich habe keine Lust zu streiten“, entgegnete Beverly, doch sie erkannte an Peggys Blick, dass sie ihr Pulver noch nicht verschossen hatte.

„Du weißt ja hoffentlich, was du Mum damit antust. Nicht eine Nacht schläft sie durch, weil sie ständig Angst um dich hat.

Aber Hauptsache, du hast, was du willst.“

„Peggy, ich könnte ebenso gut auf dem Weg zum Supermarkt

von einem Bus überfahren werden. Das Leben ist nun mal nicht kalkulierbar.“

„Nein, sicher nicht. Man sollte die Gefahr aber nicht herausfordern. Frauen bei der Polizei. So ein Schwachsinn. Aber das ist typisch für dich. Dein Egoismus ist unerträglich. Irgendwann bringst du Mum noch ins Grab.“ Sie warf ihre Gabel auf den Tisch, sprang auf und verließ das Esszimmer ohne ein weiteres Wort.

Die StraĂźe schlängelte sich vor Beverly wie ein dunkler Fluss. Nach dem FrĂĽhstĂĽck hatte sie gepackt und sich verabschiedet.  Peggy hatte es nicht fĂĽr nötig befunden, sich noch einmal sehen zu lassen. Ein weiteres Kapitel in der Geschichte ihrer schwesterlichen Auseinandersetzungen war geschrieben.

 

 

Montag, 11. März

 

Whitefield schniefte in sein großes kariertes Taschentuch, während Stanton mit einer Kanne Tee von Tasse zu Tasse balancierte. Sands saß neben Henderson, Fleming hatte ein Skript vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Beverly betrat das Büro direkt nach Miller und sie konnte seinen hochprozentigen Atem riechen. Er setzte sich etwas abseits und warf einen leicht nervösen Blick zu Sands hinüber. Millers Hemd hing zerknittert über der Hose, sein Sakko war fleckig. Sein Gesicht wirkte sowohl ungewaschen als auch unrasiert, das dunkle Haar klebte fettig am Kopf. Es war offensichtlich, dass er die letzte Nacht nicht zu Hause bei seiner Frau verbracht hatte. Hatte sie ihn womöglich vor die Tür gesetzt? Miller schien sich im Mittelpunkt der Blicke plötzlich seines Zustandes bewusst zu werden und erhob sich wieder. „Bin gleich wieder da“, warf er erklärend in die Runde und ging hastig zur Tür. Der Geruch von Whisky blieb im Büro hängen, und Beverly war sich sicher, dass jeder der Anwesenden es roch.

„Wir fangen an“, gab Whitefield in die Runde, ohne einen Kommentar zu Millers Auftritt abzugeben. „Fleming hat sich in den Falls reingekniet. Wir hören uns mal an, was er zu bieten hat.“

„Ich habe mich, soweit es mir anhand der Unterlagen möglich war, mit den Persönlichkeitsprofilen der beiden Tatverdächtigen befasst“, begann der Psychologe. „Ich bin zu dem vorläufigen Schluss gekommen, dass Timothy St. Williams mit hoher Wahrscheinlichkeit unser Täter sein wird. Daraus ergeben sich für die laufenden Ermittlungen andere Prioritäten.“ Er griff nach einem grauen Hefter, der neben seiner losen Blattsammlung lag, und schob sich die Lesebrille auf die Nase.

„Woraus schließen Sie, dass Harwood als Täter nicht in Frage kommt?“, warf Sands ein.

Fleming blickte ihn irritiert an. „Aus den Persönlichkeitsprofilen“, entgegnete er und Beverly bemerkte einen Anflug von Ungeduld in seiner Stimme..

„Das ist mir zu ungenau. Mich interessiert, welche  Ăśberlegungen Sie zu diesem Schluss kommen lassen“, hakte Sands noch einmal nach.

„Ich finde den Verlauf der Kindheit in beiden Fällen sehr aussagekräftig. Timothy St. Williams hat nie eine gehabt und ganze siebzehn Jahre lang die Hölle durchlebt. Sämtliche Phasen der kindlichen Entwicklung waren von Zwang, Angst und Lieblosigkeit geprägt. Ich glaube nicht, dass es irgendetwas gibt, das eine solche Verwundung heilen lässt. Maggie Hunter hat sich während ihrer Zeit in West Bromwich vermutlich besonders um ihn bemüht. Sicherlich hat sie das auch in der Zeit getan, als er bei ihr lebte. Wir wissen jedoch nicht, wie lange er bei ihr war. Auch wenn sie sich um ihn gekümmert hat, auch wenn sie versucht hat, ihm das zu vermitteln, was er nie hatte, sie hatte keine Chance, all das aufzuholen. Nach siebzehn Jahren, die er einem solchen Drill ausgesetzt war, kann man davon ausgehen, das sich das Trauma irreparabel in seiner Persönlichkeit manifestiert hat. Es hat den Jungen von klein auf geprägt. Er hatte kaum menschliche Beziehungen und keinen Kontakt zur Außenwelt. Sein gesamtes Empfindungsspektrum liegt vermutlich im negativen Bereich. Als Timothy seine Mutter angriff, agierte er zum ersten Mal Aggression aus. Es war ein ungeplanter, höchst effektiver Befreiungsschlag für ihn. Wenn er später keine anderen Möglichkeiten gefunden hat, mit Schwierigkeiten umzugehen, und dies sein einziger Weg ist, ausweglosen Situationen zu begegnen, dann ist er vermutlich unser Täter. Genau genug?“ Fleming brachte die letzten beiden Worte mit einem provokanten Unterton über die Lippen und blickte Sands herausfordernd ins Gesicht.

„Wenn Sie jetzt genauso gut darlegen können, warum Daniel Harwood als Täter eher nicht in Frage kommt, … ja“, antwortete Sands betont ruhig.

Die Spannung wich aus Flemings Gesicht, er fuhr fort. „Daniel Harwood hatte, soweit wir wissen, bis zu seinem sechsten  Lebensjahr ein intaktes Elternhaus. Durch den Tod beider Eltern wurde er traumatisiert. Er wurde von einer Familie aufgenommen, die ihn vom öffentlichen Interesse abgeschirmt und sich sicherlich intensiv um sein Wohlergehen gekĂĽmmert hat. Unter diesen Voraussetzungen hatte das Kind die Chance das Trauma zu verarbeiten.“ Er griff wieder zu dem grauen Hefter, ein wenig zu hastig befand Beverly.

„Sie haben in Ihren Ausführungen den Tathergang ausgeklammert.“ Es war wieder Sands, der ihn unterbrach. „Ein wesentlicher Kernpunkt unserer Überlegungen war bislang die Tatsache, dass der Junge die Tat beobachtet hat. Wie werten Sie das im Hinblick auf eine mögliche Täterschaft?“

Flemings Augen flackerten beinahe wĂĽtend, als er Sands ansah, Beverly war auf seine Antwort gespannt. Doch bevor er reagieren konnte, fuhr Sands fort:

„Darüber hinaus können wir über sein weiteres Leben nichts aussagen. Wir kennen nicht einmal die Pflegefamilie, bei der er groß geworden ist. Letztendlich wissen wir nicht, ob dieses Pflegeverhältnis Bestand hatte, der Junge könnte genauso gut in einem Heim oder auf der Straße groß geworden sein. Wir dürfen ihn zum jetzigen Zeitpunkt der Ermittlungen keinesfalls als möglichen Täter ausschließen.“

Flemings Blick wanderte nervös zwischen Whitefield und Sands hin und her.

„Das denke ich auch“, bemerkte Allister „machen Sie beide ausfindig.“

Es entstand ein Moment des allgemeinen Schweigens, dann unterbrach der Psychologe die Stille. 

„Wir haben zwei Tatverdächtige, wir haben sogar Namen, aber die Spuren liegen weit zurĂĽck und verlaufen im Sand. Vielleicht gibt es einen Weg, zumindest an St. Williams heranzukommen. â€¦Mir ist da ein Gedanke gekommen. Ich hab allerdings keine Ahnung, ob ich damit richtig liege.“ Er warf einen scharfen Blick zu Sands und fuhr fort: „Betrachtet man die Ă„hnlichkeit der Fälle, so fällt auf, dass alle Opfer ein Klavier besaĂźen. Timothy St. Williams spielte seit seiner frĂĽhesten Kindheit Klavier. Er bekam besondere Zuneigung von seiner Klavierlehrerin Maggie Hunter. Er hat eine Zeit lang bei ihr gelebt. Es könnte durchaus sein, dass er durch das Klavier seine Verbindung zu den Opfern herstellt.“

„Wie denn?“, fragte Stanton; seine Stirn kräuselte sich unter den Spitzen seiner wilden Locken.

„Da bin ich mir nicht sicher. Mir sind da einige Ideen gekommen. Vielleicht besucht er Klavierkonzerte und spricht dort Frauen an. Oder er heftet  Aushänge ans schwarze Brett der Musikschulen, um Klavierunterricht anzubieten. Es wäre auch denkbar, dass er in Zeitungen inseriert. Vielleicht wählt er aus den Interessenten ganz bewusst alleinlebende Frauen aus.“

„Das hieĂźe also, dass er nach Sheila Morenos Tod wieder inserieren wĂĽrde. Das hieĂźe auch, dass wir sämtliche Zeitungen im Raum London nach Inseraten absuchen mĂĽssten“, stellte Stanton trocken fest.    

„Ich glaube nicht, dass er es schon jetzt wieder tun wird. Er wird zumindest einige Tage warten, solange, bis sich die höchsten Wogen geglättet haben“, gab Fleming zu bedenken. Nachdenkliche Stille breitete sich für einige Sekunden im Büro des Superintendent aus.

„Sie haben zwar Daniel Harwood bei ihren Ausführungen wieder völlig vergessen, Mr. Fleming, aber ihre Überlegungen zu Timothy St. Williams sind ausgezeichnet. Schade, dass sie nicht von mir sind.“ Inspektor Sands lächelte, und Beverly konnte förmlich sehen, wie eine riesige Last von dem jungen Psychologen abfiel.

Es sah schon wieder nach Regen aus, doch der Wind trieb die Wolken mit derartiger Kraft ĂĽber den Himmel, dass sie keine Gelegenheit hatten, das Wasser ĂĽber der Stadt zu verteilen. Beverly riss sich von dem Anblick los und konzentrierte sich wieder auf die Arbeit. Bill Stanton hatte ihr nach der Morgenbesprechung einige Hinweise, diverse Telefonnummern und etliche Termine verschiedener Klavierkonzerte auf den Schreibtisch gelegt. Sie hatte stundenlang telefoniert, Notizen gemacht und versucht, Details aus dem Wust an Informationen herauszufiltern, irgendetwas, das die Ermittlungen weiterbringen wĂĽrde. Sie war keineswegs zufrieden, nichts hatte den Anschein, als wĂĽrde es irgendwie nĂĽtzen. Sie packte die Dossiers zusammen, schob sie in den Aktenschrank und schloss das BĂĽro ab. Sie meldete sich ab, nahm den Aufzug zur Tiefgarage, stieg in den Wagen, und als sie losfuhr, ĂĽberlegte sie, wie sie es angehen wĂĽrde.

London News stand auf dem groĂźen blauen Schild an der EingangstĂĽr. Beverly ging zielstrebig durch die imposante Eingangshalle auf die Anmeldung zu. Sie legte ihren Dienstausweis vor und verlangte Adrian La Vince in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen.

„Er befindet sich in einer dienstlichen Unterredung, wenn sie vielleicht in einer  Stunde...“ Beverly lieĂź die brĂĽnette Frau im tĂĽrkisfarbenen KostĂĽm nicht ausreden, sie lehnte sich ein StĂĽckchen ĂĽber den Tresen und flĂĽsterte mit wichtigem Gesichtsausdruck. „Nein, das kann ich nicht, dann ist es womöglich schon zu spät. Wie ich Mr. La Vince kenne, wird er Sie persönlich verantwortlich machen, wenn ihm diese Sache entgeht, also holen Sie ihn da jetzt besser raus.“

Sie brauchte nicht lange zu warten. Adrian La Vince schien mehr als verblĂĽfft, sie zu sehen. „Na, wenn das keine Ăśberraschung ist, Sergeant Evans!“ Er bat sie in ein Besprechungszimmer und  bot ihr eines der kleinen Mineralwasserfläschchen an, die auf dem Tisch gruppiert waren. „Sagen Sie nichts, lassen Sie mich raten! Sie wollen mit mir Essen gehen? Ich bin dabei! Heute Abend zwanzig Uhr, ich hole Sie ab.“ Er grinste und ein kleines GrĂĽbchen, das ihr bei ihrer ersten Zusammenkunft nicht aufgefallen war, bohrte sich in seine linke Wange.

„Ich denke, Mr. La Vince, ich habe noch was gut bei Ihnen. Ich habe Arbeit für Sie.“

Er schlug die Beine übereinander und drückte die Fingerspitzen der rechten Hand auf seine Schläfe. „Sie sind knallhart, wie halten das nur Ihre Kollegen aus?“

„Es geht um den aktuellen Fall; ich setze Ihr Stillschweigen über unsere Ermittlungen voraus.“

„Ist das alles?“

„Nein, obwohl Ihnen das sicher schwer fallen wird. Ich möchte Sie bitten, uns bei der Suche nach dem Täter zu unterstützen.“

Er grinste. „Prima. Kann ich mir gut vorstellen. Sie und ich auf gemeinsamer Mörderjagd. Bekomme ich eine Waffe? Bringen Sie mir das Schießen bei?“

„Ganz langsam, Mr. La Vince. Nichts von alldem. Sagen wir es mal so: Ich habe eine Aufgabe für Sie, die mit Ihrem Job zu tun hat. Ich werde Sie in die notwendigen Details einweihen, aber Sie halten den Mund, wir wollen schließlich den Täter nicht warnen. Sollte dennoch irgendetwas an die Öffentlichkeit dringen, dann werde ich Sie, Mr. Clark und Mr. Darryl samt ihrem Ohr ans Messer der Justiz liefern. Können Sie mir folgen?“

„Unschwer, und wenn ich mich weigere?“

„Ich habe nicht vor, Sie in irgendeiner Weise unter Druck zu setzen. Wenn Sie nicht dazu bereit sind, dann lassen Sie es sein. Ich komme auch so an meine Informationen, allerdings geht uns wertvolle Zeit verloren.“

„Wie schnell muss ich mich entscheiden?“  

„Sofort. Ich habe nicht vor, schon wieder meine Zeit mit Ihnen zu verschwenden.“ Sie wusste, er wĂĽrde ja sagen. Seine Neugier trieb ihn. 

„Ich würde anschließend gern mal mit Ihnen...“ Er hielt inne, als er das ungeduldige Funkeln in Beverlys Augen sah. „Gut, ich werde Ihnen helfen. Sagen Sie mir, was ich tun soll.“

Beverlys Blick wanderte mit ungutem GefĂĽhl immer wieder in den RĂĽckspiegel. War das ihr Auto, das wie der Teufel qualmte? Sie hielt am Kreisverkehr, um eine LĂĽcke im flieĂźenden Verkehr zu finden, der Gestank von schmorendem Gummi stieg ihr in die Nase. „Nur noch die paar hundert Meter“, bettelte sie den Wagen an. Sie schaffte es noch gerade bis zum Yard, dann schoss mit einem heiseren Husten eine schwarze Rauchwolke unter der Haube hervor, verteilte sich wie ein flacher Teppich unter der Decke der Tiefgarage und der Motor erstarb.  Selbst schuld, Evans.  Sie wartete einen Moment, um sicher zu gehen, dass der Wagen nicht noch Flammen werfen wĂĽrde, dann stieg sie in den Aufzug, eilte den Korridor entlang und stĂĽrmte ins BĂĽro. Es war niemand da. Wo schwirren die schon wieder rum? Dann ebennicht, dann eben keine Informationen zum Thema Zeitung. Beverly fĂĽhrte ein paar Telefonate, doch es gab keine neuen Hinweise aus Coventry. Es wurmte sie. Timothy St. Williams konnte sich schlieĂźlich nicht in Luft aufgelöst haben, er hatte vermutlich jahrelang bei Maggie Hunter gelebt. Irgendjemand, der sie gekannt hatte, musste auch von ihm wissen. Er war ja schlieĂźlich nicht unsichtbar. ... Oder doch? Daran hatte sie noch gar keinen Gedanken verschwendet, daran, das St. Williams bereits tot sein könnte. Sie seufzte. So kamen sie nicht weiter. Möglicherweise wĂĽrden Recherchen vor Ort doch noch den ein oder anderen Hinweis zu Tage fördern. Aus West Bromwich war sie schlieĂźlich auch nicht mit leeren Händen zurĂĽckgekehrt. Der Gedanke reifte, dass sie in Coventry selbst den SchlĂĽssel finden könnte, einen Hinweis darauf, wo St. Williams untergetaucht sein könnte. Zielstrebig lief sie den Korridor entlang zu Whitefields BĂĽro. Er blickte aus einem Stapel Papier zu ihr auf, schob eine Mappe beiseite und blickte auf die Uhr. „Evans, machen sie  Feierabend. Sie verpulvern schon wieder Ihre Energie.“

„Ich muss mit Ihnen reden, Superintendent. Es geht um die Spur in Coventry, Maggie Hunter. Wir sollten dort unbedingt vor Ort ermitteln, alles andere hat keinen Zweck.“ Sie räusperte sich, versuchte seine Reaktion abzuschätzen. Er schwieg, ein schlechtes Zeichen. Sie musste es trotzdem versuchen. „Ich wäre bereit, nach Coventry zu fahren, aber...“ sie stockte einen Moment, „ich würde ungern mit Miller...“ Sie ließ den Rest des Satzes unausgesprochen verhallen und blickte Superintendent Allister Whitefield an. Er grübelte, aber allem Anschein nach schien er zu keinem Entschluss zu kommen.

„Wir sind hier kein Reisebüro. Es gibt hier genug zu tun, Sie wissen schon.“ Sicherlich hatte er die Enttäuschung in ihrem Gesicht gesehen, aber es änderte nichts. Es brachte auch nichts, ihn überreden zu wollen, so etwas machte ihn abweisend. Es war ratsamer, es zu gegebener Zeit noch einmal zu versuchen. Sie sah ihn an, er fuchtelte ungeduldig mit der Hand. „Das war’s, ich hab noch zu arbeiten.“ Sie verließ sein Büro und dachte darüber nach, das Ganze noch einmal mit Sands anzugehen. Er war sicher nicht abgeneigt, was Coventry anbelangte. Nein, sie musste sich zurückhalten. Wenn sie Whitefield jetzt noch jemand anderen auf den Hals schickte, war er wahrscheinlich restlos sauer. Sie würde warten. Sie würde die Gunst der Stunde abpassen, und sie war sich sicher, dass sie schon bald Gelegenheit dazu haben würde.

Das verdammte Auto! Und niemand mehr da, der dich nach Hause fahren kann. Sands Büro war bereits abgeschlossen, Henderson und Stanton waren weg. Miller? Um Gottes Willen. Also doch der Bus oder die U-Bahn. Seufzend fuhr sie mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Ein letzter Versuch mit dem Auto? Sie kramte ihre Sachen aus dem Wagen, warf sich den Mantel über. Riskier es besser nicht, sagte ihr Verstand, also schloss sie den Wagen ab und verließ das Gebäude. Es nieselte, es war windig und kalt. Sie begann auf der Stelle zu frieren, als sie einen Augenblick lang unschlüssig an der Straße stand. Du hättest zwischendurch mal was essen müssen.

„Hey, Evans, ist dir dein Wagen verreckt?“, Miller hielt neben ihr, grinste in seiner gewohnt frechen Art, während er die Scheibe herunterkurbelte, und sah jetzt im kalten Licht der Straßenlaterne nicht viel besser aus als am Morgen.

„Ich warte nur auf jemanden“, log sie.

„Sands ist schon weg, ... Pech, Evans.“ Er spielte mit dem Gas, drehte die Scheibe wieder hoch und fuhr los. Keine zehn Sekunden später hielt der nächste Wagen.

„Kann ich Ihnen helfen Miss Evans?“

Sie fuhr herum. „Ach Sie sind’s Fleming. Ja, mein Wagen gibt kein Lebenszeichen mehr von sich.“ Sie blickte kurz in seine Augen, dann auf seinen Wagen. Wieder so ein Typ mit einem schicken, schnellen Zweisitzer. Bist du nicht schon mal auf so was hereingefallen, Beverly?

„Soll ich Sie nach Hause fahren?“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich hasse es, in überfüllten Bussen zerquetscht zu werden oder im U-Bahnschacht verloren zu gehen.“

„Das kann ich verstehen, ... das kann ich sogar sehr gut verstehen.“

„Eigentlich steige ich nicht in solche Autos.“ Sie gab ihrer Stimme einen vorsichtigen Ausdruck.

„Darf man fragen warum?“

„Weil die Fahrer meistens Weiberhelden sind.“

Er lachte, lehnte sich über den Sitz und hielt ihr die Beifahrertür auf. „Ich werde Sie nicht zwingen. Legen Sie den Schwerpunkt doch einfach auf meistens und steigen Sie ein.“

Der silberne Wagen fädelte sich in den fließenden Verkehr ein, Beverly lehnte sich zurück. „Ich hatte schon die ganze letzte Woche in der Werkstatt anrufen wollen, aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen. Ich hatte einfach keine Zeit. Ich hab’s jedes Mal vergessen.“ Sie blickte auf die Straße und sah Millers Wagen im gelb markierten Halteverbot vor einem kleinen Tabakladen stehen. Er kaufte mit Sicherheit gerade diese widerlichen Zigarillos, mit denen er allen ständig das Hirn vernebelte. Vor der nächsten Ampel staute sich der Verkehr. Beverly sah im Seitenspiegel, wie Miller von hinten aufschloss. Dann scherte er aus und drängte sich neben Flemings Wagen. Mit einem dümmlichen Ausdruck stierte er zu ihnen herüber. Der arrogantePsychologe in einem Roadster und neben sich Evans. Da hat er doch wieder Gesprächsstoff!

Fleming warf einen Blick zurĂĽck, zog vielsagend eine Augenbraue hoch. Miller wandte sich ab und schoss mit quietschenden Reifen hinter der Autoschlange her, die sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.

„Unangenehmer Typ, dieser Miller ... schwer einzuschätzen.“

Beverly grinste. „Rechnen Sie immer mit dem Schlimmsten, dann sind Sie gegen seine Attacken gut gerüstet.“

Er lächelte. „Und was empfehlen Sie mir gegen Sands Attacken?“

Sie stöhnte demonstrativ auf. „Nehmen Sie das bloß nicht

persönlich. Außerdem hatte er recht!“

„Das sehe ich anders. Sands hat sich auf diesen Harwood eingeschossen, und das ist sein Problem.“

Sie musterte Daniel Fleming verstohlen von der Seite, während sie antwortete. „Er hält sich beide Optionen offen, das ist beim jetzigen Stand der Ermittlungen auch vernünftig. Sie haben sich festgelegt, nicht er.“

Sie fuhren an Miller vorbei, der eingekeilt auf der anderen Spur stand und nicht weiterkam. „Sie sind nicht irgendwie ein bisschen voreingenommen?“

„Genau das bin ich“, betonte Beverly. „Ich kenne Sands seit vier Jahren, und wenn es jemanden gibt, der bei den Ermittlungen Weitblick beweist, dann ist er das.“

Fleming warf ihr einen kurzen Blick zu. Sein Kommentar zu ihrer Aussage war kurz: „Aha.“

Beverly verschränkte wütend die Arme. „Was soll denn das jetzt heißen?“

„Sie scheinen, was Sands angeht, nicht besonders kritikfähig zu sein.“

Sie sog die Luft hörbar durch die Nase. „ Und Sie könnten eine Menge von ihm lernen, wenn Sie nicht so halsstarrig wären.“

Miller tauchte hupend neben ihnen auf, zog an dem Roadster vorbei, machte einen scharfen Schwenk auf ihre Spur und trat voll auf die Bremse. Beverly sah, vom Nieselregen verschwommen, die Bremslichter aufblinken, binnen Bruchteilen von Sekunden wurde sie vom Gurt gehalten, während Fleming den Wagen nur um Haaresbreite zum Halten brachte. Hank Miller drehte sich triumphierend zu ihnen um, die Ampel beleuchtete ihn mit einem roten Heiligenschein.

„Und so was ist bei der Kripo“, brachte Fleming mit betretenem Blick hervor.

„Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Rechnen Sie immer mit dem Schlimmsten.“

„Das werde ich ab jetzt.“ Er warf ihr ein Lächeln zu. Die Ampel schaltete auf grün. „Hätten Sie Lust, noch eine Kleinigkeit essen zu gehen? Ich hab’ den ganzen Tag noch nichts Vernünftiges zwischen den Zähnen gehabt.“

„Gute Idee, mir geht’s auch nicht besser.“

Er bog in eine Querstraße, steuerte eine schmale Seitenstraße an und hielt vor einem kleinen italienischen Restaurant. Sie setzten sich an einen Tisch nahe der Tür, der direkt am Fenster stand und während Beverly ihn ansah, fragte sie sich, wann sie das letzte Mal mit einem Mann essen war, für den sie sich ernsthaft interessierte, der weder verheiratet noch verlobt war und der nicht gerade in irgendeiner Trennungsmisere steckte. Ja, wann, Beverly? Und sie musste sich eingestehen, dass die Antwort schlicht ...Noch nie! ... lautete. Jetzt hatte sie Bauchschmerzen und das ungute Gefühl, dass irgendetwas einfach schief gehen musste. Reiß dich zusammen!

„Was bewegt eine Frau wie Sie dazu, bei der Mordkommission zu arbeiten?“

Sie lehnte sich zurück. „Ich hab diese Frage, seit ich bei der Polizei bin, bestimmt schon hundert Mal gehört. Was glauben Sie?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich hab keine Ahnung. Na ja, ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber...“

„Aber was?“

„Es liegt wohl an ... an Ihrem Aussehen. Wenn ich Sie so ansehe, könnte ich mir alles Mögliche vorstellen, aber auf die Idee, dass Sie bei der Kripo sind, würde ich als allerletztes kommen.“

„Das heißt im Klartext, zu klein, zu schmal, zu weiblich.“ Sie nippte an ihrem Weinglas.

Er lächelte. „Das ist es vermutlich.“

„Wissen Sie, Fleming, ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals etwas anderes wollte. In den ersten Jahren an der Schule gab es eine Gruppe fieser dicker Jungs, die mir das Leben zur Hölle gemacht haben. Schon damals hab ich mir vorgestellt, wie schön es sein würde, sie irgendwann zu verhaften und ihnen Handschellen anzulegen. Rache ist süß, wenn man sie kalt genießen kann.“

„Und, … haben Sie die fiesen dicken Jungs verhaftet?“

Sie lachte. „Nein. Einer arbeitet bei einer großen Bankgesellschaft; was aus den anderen geworden ist, weiß ich nicht.“

Der Ober brachte die Pizza, schenkte Wein nach und zog sich hinter seinen Tresen zurĂĽck.

„Jetzt sind Sie dran Fleming. Warum ausgerechnet Psychologie?“ Sie sägte mit dem Messer ein Stück aus der Pizza und schob es in den Mund.

Er lächelte. „Weil es spannend ist.“

Sie taxierte ihn eine Weile, nahm einen Schluck Wein. „Das ist nicht der Grund.“

„Sie haben Recht.“

„Und?“

„Bei mir waren es zumindest keine fiesen dicken Jungs. Es gab ein paar andere Dinge, die mir das Leben schwer gemacht haben. Ich hab geglaubt, ich würde besser damit klar kommen, wenn ich alles aus einer anderen Perspektive betrachten würde. Das war vermutlich der Grund. Inzwischen ist es allerdings eher das, was ich als erstes sagte. Es ist wirklich spannend.“

„Also typisch Psychologe. Der Versuch sich selbst zu therapieren.“

„Wenn Sie es unbedingt so sehen wollen…“

„Verraten Sie mir, was es war?“

Er zog die Augenbrauen hoch.

„Sie wollen es mir nicht sagen?“

„Stimmt“, antwortete er kurz.

„Warum arbeiten Sie ausgerechnet an einem Forschungsinstitut? Sie hätten doch genauso gut eine therapeutische Praxis aufmachen können, durchgeknallte Typen gibt es ja schließlich wie Sand am Meer. ... ’Tschuldigung, aber Sie wissen sicher, wie ich das meine.“

„Ich hatte nie vor, Behandlung anzubieten, von daher passt das, was ich jetzt mache, gut in meine Vorstellungen.“

„Und warum nicht?”

Er nahm einen Schluck Wein, stellte das Glas wieder hin und sah sie an. „Warum ich nicht therapeutisch tätig bin? Weil ich mit mir selbst nicht im Reinen bin. Es wäre nicht gut für die Klientel.“

Sei nicht so neugierig, halt jetzt einfach mal deine Klappe, Evans. Du musst dich nicht wundern, wenn er demnächst einen groĂźen Bogen um dich macht, wenn du ihn schon jetzt derart in die Enge treibst.   

Es regnete noch immer zaghaft auf London herab, als Daniel Fleming Beverly vor ihrem Wohnblock absetzte. Es war fast Mitternacht. „Soll ich Sie morgen früh abholen oder wollen Sie sich lieber in aller Herrgottsfrühe in einem Bus zerquetschen lassen?“, fragte er mit einem Zwinkern.

„Ich warte hier auf Sie“, antwortete sie ernst. Sie sah seinem Wagen eine Weile nach. Dann blickte sie in den Himmel, spürte den kalten Nieselregen, der sich auf ihrer Haut niederließ. Langsam ging sie hinein, die Treppenstufen hinauf und schloss mit hämmerndem Herzen die Wohnungstür. Mensch, Beverly, das könntetatsächlich was werden, ... obwohl seine Meinung über Sands, nach ihrem Geschmack, noch leicht korrigiert werden

 

 

Dienstag, 12. März

 

Beverly stieg aus dem Wagen. Fleming sollte sich auf Whitefields Anweisung hin ein Bild vom Tatort Sheila Moreno machen. In zwanzig Minuten wĂĽrde er sich mit einem Polizisten bei Sheilas Haus treffen.

„Danke fürs Mitnehmen.“ Sie griff ihre Tasche und wollte die Autotür zuschlagen, sie zögerte. Einen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke. „Was gibt’s denn?“, fragte sie unwillkürlich.

„Wie wäre es, wenn Sie die Werkstatt heute noch nicht anrufen? Ich könnte Sie nach Dienstschluss wieder nach Hause fahren.“

„Ich werd’s mir überlegen.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „War das jetzt ein eindeutiges vielleicht?“

Sie nickte. „Bis später.“

Beverly schaute dem Wagen nach. Es hatte sie definitiv schwer erwischt. Aber es wunderte sie, dass sie dieses Gefühl tatsächlich genoss. Denn es gab da ein kleines Problem. Sie war sich nicht sicher, was er wollte. Unter keinen Umständen wollte Beverly wieder als Nebenbuhlerin im Bett eines gebundenen Mannes landen. Sie hatte auch keine Lust mehr auf kleine Abenteuer und kurze Affären, die zu nichts führten. Vielleicht sah Fleming sie nur als nette kleine Abwechslung, als Bonbon, das ihm die Arbeit hier im Yard versüßen würde. Sie durfte sich nicht verschätzen. Sie musste vorsichtig sein. Sie spürte, dass die Wunde, die Edward in ihre Seele gerissen hatte, nicht nur, weil er starb, sondern weil sie sich benutzt gefühlt hatte, noch nicht verheilt war. Auch die unerwiderten Gefühle Sands gegenüber schlummerten schon eine Ewigkeit wie nicht heilen wollende Risse in ihr. Beverly wollte sich nicht noch mehr zumuten. Aber sie wünschte sich jemanden, der ihre verletzte Seele streichelte, der mit ihr lachte, der sie liebte und mit ihr schlief. Ob Fleming mehr als das letztere wollte, war wohl mehr als ungewiss.

„Chief Superintendent O’Brian rĂĽckt uns auf  die Pelle, er macht mächtig Druck. Er wartet auf Ergebnisse. Die Sache mit den Annoncen ist zu aufwendig. Verdammt, es geht nicht voran.“ Whitefield schnaufte, sein rechtes Augenlid zuckte nervös. „Vorschläge!“ Der Tonfall war schroff, seine rechte Hand ballte sich, als wolle er auf den Tisch schlagen. In dieser Atmosphäre wĂĽrde Beverly nicht noch einmal auf Coventry zurĂĽckkommen.   

„Ich glaube, dass es notwendig ist, in Coventry vor Ort zu ermitteln, um die Spur von Timothy St. Williams wieder aufzunehmen“, bemerkte Sands, und Beverly sah ihn mit einem erstaunten Lächeln an. „Es ist denkbar, dass Maggie Hunter Nachbarn oder Freunde hatte, die ihn kannten, auch wenn er dort offiziell nicht gemeldet war. Wir sollten diese Möglichkeit zumindest ins Auge fassen.“

Der Superintendent sah Beverly scharf von der Seite an, es war der abstrafende Blick des Vorgesetzten, der in seinen Augen lag.

„Ich hab nichts damit zu tun.“ Sie hob die Hände, so, als wolle sie nicht erschossen werden und sah amüsiert Harolds irritierten Blick.

„Evans hatte gestern den gleichen Vorschlag“, warf  Whitefield erklärend ein. Ein Hauch von Erheiterung huschte plötzlich ĂĽber sein Gesicht.  Er stapelte einige lose Zettel, brummte dabei unverständlich vor sich hin und blickte dann auf. „Also fahren Sie in Gottes Namen nach Coventry. ... Aber kommen Sie nicht mit leeren Händen zurĂĽck.“

Miller versperrte Beverly im Korridor den Weg. „Das habt ihr ja mal wieder geschickt eingefädelt, du und Sands, eine nette kleine Dienstreise. Whitefield, dieser Idiot, fällt auch auf jeden Schwachsinn rein. Sands muss ja ganz schön Respekt vor seiner Alten haben, wenn er mit dir bis nach Coventry fährt, nur um dich flachzulegen.“ Er wartete auf eine Reaktion, doch Beverly schaute ihn betont gleichgültig an. „Weiß er eigentlich, dass Fleming dich gestern schon vorgewärmt hat?“, grinste er.

„Ich kann es nicht mehr hören, Miller. Kümmere dich doch einfach um deinen eigenen Kram.“ Sie blickte zum Kopfende des Flurs, wo Sands, Stanton und Henderson noch mit Whitefield vor seiner Bürotür standen.

„Treffer versenkt, Evans. Er wird sicher begeistert sein, wenn er hört, in welchem Bett du dich gestern vergnügt hast. Die Suppe versalz ich dir.“ Er drehte sich um und lief auf die Gruppe zu, während Whitefield in seinem Büro verschwand. Es dauerte keine Minute, bis Hank ihr wieder entgegenkam. Ohne ein weiteres Wort ging er an ihr vorbei; seine Miene verriet ihr, dass er anscheinend nicht den gewünschten Erfolg gehabt hatte.

Beverly saß entspannt neben Sands im Wagen. Sie hatten London hinter sich gelassen und fuhren über die M1 in Richtung Northampton. Besser hatte sie es eigentlich nicht treffen können. Vermutlich würde Fleming enttäuscht sein, wenn er mitbekam, dass sie nach Coventry unterwegs war. Insgeheim wünschte sie sich er würde eifersüchtig sein, wenn er hörte, mit wem sie dorthin fuhr. Hank würde sicher dafür sorgen, dass er es brühwarm erfuhr. „Was hat Miller eigentlich von dir gewollt, Harold?“

Er seufzte. „Die üblichen geistlosen Sprüche über dich und unsere angebliche Affäre.“

„Was hat er gesagt?“

„Mm.“

„Ich will das jetzt wissen, Harold!“

„Er wäre um meine Gesundheit besorgt.“

„Er meinte doch wohl nicht...“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende, Empörung stieg in ihr auf.

„Du solltest nichts auf Millers Geschwätz geben.“

„ … dass ich was Ansteckendes habe“, vervollständigte sie den Satz.

Inspektor Sands schwieg.

„Herrje! Sonst noch was?“

„Die Sache mit Fleming.“

„Wenn es nicht eine abgrundtiefe Gemeinheit wäre, solche Gerüchte in die Welt zu setzen, dann würde ich über diesen Blödsinn lachen. Er geht zu weit. Ich war gestern mit Fleming essen, mehr nicht.“ Sie beobachtete Harold von der Seite und wartete auf eine Reaktion. Er blickte kurz zu ihr herüber und lächelte. „Ich habe ihm gesagt, dass seine Sprüche nichts an unseren Plänen ändern würden.“

Es war Mittag, als sie in Coventry ankamen. Sonnenstrahlen drängten sich durch die zerrissenen Wolken, es war kalt. Das Hotel lag an der Warwick Road. Die Außenwände waren von den tagtäglichen Abgaswolken geschwärzt, und als wollte dieses Gebäude seiner äußeren Gestalt trotzen, war es innen frisch renoviert, hell und modern. Der Eingangsbereich mit der Rezeption mündete rechts in eine Nische, die den Eingang zu einem Restaurant beherbergte. Neben dieser Nische führte ein Torbogen zu einer Bar. Links der Rezeption gab es ein Foyer, das mit hellen Korbmöbeln ausgestattet war. Drucke moderner Maler hingen an den hohen Wänden und brachten Farbe an die cremegestrichenen Wände. An der hinteren Seite dieses Raumes führte die Treppe mit einer engen Biegung nach oben, daneben waren die Aufzüge. Ihre Zimmer lagen im zweiten Stock. Beverly war mit der Ausstattung ihres Zimmers mehr als zufrieden. So komfortabel war sie auf einer Dienstreise noch nie untergebracht gewesen. Whitefield würde sich über die Spesenabrechnung freuen.

Beverly machte sich frisch. Danach aß sie gemeinsam mit Sands eine Kleinigkeit im Hotelrestaurant. Als sie aufbrachen war es windig. Sie fuhren die Little Park Street in nördlicher Richtung entlang, an der berühmten Kathedrale vorbei, und bogen in die Fairfax Street ein. Über die Primrose Hill Street verließen sie das Zentrum und fuhren bis an den Stadtrand, in die Greenwood Street, in der Maggie Hunter bis zu ihrem Tod gelebt hatte. Maggies Haus war das letzte von acht kleinen Häusern in der Straße. Obwohl alle die gleiche Bauweise und ein wahrscheinlich beträchtliches Alter aufwiesen, wirkten sie völlig unterschiedlich. Einige waren in gepflegtem, offensichtlich restauriertem Zustand, einige waren baufällig. Maggies Haus war augenscheinlich seit ihrem Tod unbewohnt und in schlechtem Zustand. Das rostige Gartentor war durch eine Vorhangkette gesichert, wohl um Kinder von dem Grundstück fern zu halten. Hinter dem löchrigen Zaun ein verwilderter Vorgarten, die Fenster im Erdgeschoss mit Brettern vernagelt, die Fensterscheiben im Giebel zerbrochen, das Dach voller Löcher. Das Nachbarhaus mit den hell gestrichenen Wänden, den grünen Fensterläden und dem dunkel gedeckten Dach ließ erahnen, wie Maggies Haus einmal ausgesehen haben könnte. Es würde sich vermutlich nicht mehr retten lassen und früher oder später dem Erdboden gleichgemacht werden. Auf der gegenüberliegenden Seite lag ein riesiges Grundstück voller Gestrüpp, auf dem die hässlichen Ruinen dreier Garagen standen. Hinter Maggies Haus machte die Straße eine Biegung, wurde schmaler und verschwand in einem Wald.

Beverly sah Sands an, dann gingen sie die kurze Auffahrt zum Nachbarhaus entlang. Zwei breite Stufen führten zur Tür hinauf. Beverly blickte auf das Türschild aus blankpoliertem Messing, in das der Name Ryan eingraviert war, und klingelte. Eine junge dunkelhaarige Frau in einem weißen Hosenanzug öffnete, ein kleiner Junge stand neben ihr, er krallte sich mit einer Hand an ihrem Hosenbein fest. Der Blick an ihr vorbei, in den Flur, offenbarte puren Luxus.

„Guten Tag, Mrs. Ryan. Entschuldigen Sie die Störung“, begann Beverly, zeigte ihren Ausweis und blickte der jungen Frau mit einem offenen Lächeln ins Gesicht. „Ich bin Sergeant Evans, das ist Inspektor Sands von Scotland Yard.“

Lucy Ryans Gesicht wirkte plötzlich wie versteinert, sie wurde kreidebleich. Sie griff mit der Hand zum Türrahmen, als müsse sie sich stützen. Beverly warf ihr einen besorgten Blick zu. „Ist Ihnen nicht gut, Mrs. Ryan?“

„Doch, doch“, antwortete sie hastig und streckte sich ein wenig, ganz so, als wolle sie den Eindruck völliger Fitness erwecken.

„Wir haben nur ein paar Fragen zu Ihrer früheren Nachbarin“, ergänzte Beverly rasch und die Gesichtszüge der jungen Frau entspannten sich. Das Kind zerrte an ihrer Hose. „Sie meinen das baufällige Haus da nebenan?“

„Ja, haben Sie Maggie Hunter gekannt?“

„Tut mir leid, aber darüber weiß ich überhaupt nichts. Wir haben das Haus erst vor zwei Jahren gekauft. Über die Leute, die hier nebenan gewohnt haben, kann ich gar nichts sagen.“

„Haben Sie Kontakt zu den anderen Anwohnern, wissen Sie, wer hier schon länger wohnt?“

Sie schien einen Moment lang nachzudenken. „Vorn im zweiten Haus, das mit dem Efeu, da wohnt eine ältere Dame. Ich glaube, die hat schon immer hier gelebt.“

„Danke, Mrs. Ryan“, beendete Beverly das Gespräch.

Die Frau nahm den Jungen an die Hand und schloss die TĂĽr.

„Hast du gesehen, Harold, wie sie reagiert hat, als ich Scotland Yard gesagt habe? Die hatte kein reines Gewissen.“ Beverly drehte sich noch einmal um, ein ganzes Register voller Verdächtigungen spulte sich in ihrem Kopf ab.

„Ja, war schon seltsam.“

„Ich tippe auf Steuerhinterziehung oder Versicherungsbetrug in großem Stil. Vielleicht hat sie ja auch das Kind illegal adoptiert, es sah ihr überhaupt nicht ähnlich.“

„Beverly!“

Sie lachte.

Das Haus mit dem Efeu war beinahe vollends von den Ranken bedeckt. Nur die Haustür, die Fenster und ein kleiner Teil des Daches waren noch zu sehen. Doris Boyle stand auf der Klingel. Es dauerte lange, bis die Tür geöffnet wurde. Miss Boyle war eine kleine rundliche Frau mit grauen Kräuselhaaren. Sie trug drei Strickjacken in verschiedenen Farben und Mustern übereinander, was sie noch breiter und ein wenig skurril wirken ließ. In der linken Hand hielt sie einen Gehstock. Beverly stellte sich und Sands vor. Die alte Dame ließ sie eintreten. Sie ging ihnen voraus, unsicher, wankte bei jedem Schritt. Sie setzten sich in einer kleinen Stube auf ein Sofa, dessen Sprungfedern durch das abgewetzte dunkelgrüne Polster drückten. Es war unangenehm kalt, der Raum war spärlich eingerichtet. Miss Boyle wischte mit einem Tuch über den runden Tisch und stellte eine kleine Schale mit Gebäck vor ihre Gäste hin. Dann ging sie zurück in die Küche, um Tee aufzugießen.

Eine Straße, acht Häuser, Mrs. Ryan, Miss Boyle. Dieser Gegensatz! Beverly starrte auf den löchrigen Teppich und musste augenblicklich an das Prachtstück in Victoria St. Williams Salon denken.

„Ich hoffe, dass der Tee nicht zu stark ist.“ Sie goss ihnen ein und setzte sich. „Ich hoffe, Sie frieren nicht. Ich habe leider keine Kohlen mehr für meinen Ofen.“ Sie wies auf einen rostigen kleinen Herd, der in der Ecke stand. „Das Geld reicht nie. Der Tee wird Sie aufwärmen.“

„Es ist schon alles in Ordnung so, danke Miss Boyle“, bemerkte Sands freundlich.

Sie nahm einen Schluck, stellte dann die Tasse vorsichtig zurĂĽck, so als sei das einfache Porzellan besonders kostbar.

„Sie sind also wegen Maggie Hunter hierher gekommen.“ Sie schob sich in dem wackligen Sessel in Position und fuhr fort.

„Ich habe sie gut gekannt. Ihre Eltern wohnten schon in dieser Straße. Maggie ist hier geboren, ihre Schwester Julia auch. Wir haben als Kinder zusammen gespielt, wir sind zusammen zur Schule gegangen. Maggie und ich sind beide Jahrgang zweiundzwanzig, müssen Sie wissen.“ Doris Boyle warf einen Blick aus dem Fenster bevor sie fortfuhr. „Maggie war Lehrerin, außerdem eine begabte Pianistin. Sie hat viele Jahre hier in Coventry an einer Schule gearbeitet. Bis wann war das noch? ... Ach ja, 54, ich glaube 1954. Da wurde die Schule geschlossen. Sie ist später nach West Bromwich gezogen und hat Privatunterricht für einen Jungen gegeben. Die Familie des Jungen war wohl sehr reich. Sie hat mal erzählt, dass sie nie wieder soviel Geld verdient hat wie dort.“ Doris Boyle nahm einen Keks und ihre Tasse. „Aber diese alten Geschichten interessieren Sie sicher nicht.“

„Uns interessiert alles, was Sie über Maggie Hunter wissen“, entgegnete Sands. Beverly konnte ihm ansehen, dass er genauso gespannt war wie sie, dass er diese Frau für einen Glücksfall hielt.

„Maggie war nicht gern in West Bromwich. Die Dienstgeberin war wohl sehr schwierig. Sie ist nur wegen des Kindes dort geblieben. Sie ist fast zehn Jahre dort gewesen. In dieser Zeit sind auch ihre Eltern gestorben. Dann ging es ihrer Schwester Julia so schlecht, dass sie sich nicht mehr selbst helfen konnte. Sie war schon jahrelang krank gewesen. Maggie ist dann hierher zurückgekommen, um sie zu pflegen. … Julia hatte diese furchtbare Krankheit. Wie heißt sie noch? Sklerose heißt sie, Multiple Sklerose.“ Doris Boyle seufzte tief. „Zwei Jahre hat Julia noch gelebt. Es ging ihr von Monat zu Monat schlechter. Manchmal konnte sie vor Schmerzen nächtelang nicht schlafen. Es war eine Qual für sie, es war eine Qual für Maggie, das mit ansehen zu müssen und ihr nicht helfen zu können. … Julia ist an einer Lungenentzündung gestorben, aber ich glaube, diese ganzen Medikamente haben sie umgebracht.“

Sands sprang so unvermittelt auf, dass Beverly erschrocken zusammenfuhr. „Entschuldigen Sie mich.“ Er hastete durch den Flur, riss die Haustür auf und verschwand nach draußen. Doris Boyle blickte betreten in Beverlys Gesicht.

„Was ist passiert? Hab ich was Falsches gesagt?“

„Nein, sicher nicht“, beruhigte Beverly die alte Dame, wobei sie ihre eigene Betroffenheit kaum verbergen konnte. Was war los mit Sands? Sie hatte noch nie erlebt, dass er sich mitten in einer Befragung einfach davonmachte. Sollte sie jetzt warten, bis er zurĂĽckkam? Sie erhob sich aus  dem Sofa und blickte Doris mit einem ermutigenden Lächeln an.

„Ich sehe mal nach, wo er hin ist.“

Sands stand auf dem schmalen Plattenweg im Vorgarten, die Hände in den Hosentaschen, seine typische Haltung, wenn er in sich versunken war. Er blickte in die Wolken, die zerrissen vom Wind vorbeitrieben.

„Was ist los?“, fragte Beverly leise, Verwirrung schwang unüberhörbar in ihrer Stimme.

„Mir ist da gerade etwas in den Sinn gekommen. Ich muss einen Moment in Ruhe nachdenken“, erklärte er kurz, ohne sie dabei anzusehen. „Geh ruhig wieder rein, ich komme gleich nach.“

Der Himmel spiegelte sich in seinen Augen, und der Ausdruck seines Gesichts verriet ihr, dass er nicht einfach nur nachdachte. Es erschien ihr eher so, als wĂĽrde er um Fassung ringen. Sie kannte ihn gelassen, klar und routiniert, so wie jetzt hatte sie ihn noch nie vorher erlebt, nicht ein einziges Mal in den vergangenen vier Jahren. Aber was war denn geschehen? Es war doch offensichtlich ĂĽberhaupt nichts vorgefallen, rein gar nichts. Sie lieĂź ihn allein und ging wieder ins Haus, um weiterzumachen. Sie fĂĽhrte die Befragung in Doris Boyles kaltem Wohnzimmer allein zu Ende, denn Sands kam nicht wieder zurĂĽck.

Die Sonne hatte sich nun vollends hinter der Decke dahintreibender Wolken zurückgezogen, es sah nach Regen aus. Beverly und Sands saßen schweigend im Wagen und sie machte einige Notizen. Dann warf sie die Mappe auf den Rücksitz und sah ihn von der Seite an. „Du hast einiges verpasst, Harold. Timothy St. Williams hat tatsächlich bis zu Maggie Hunters Tod in dieser Straße gewohnt, das sind fast siebzehn Jahre. Maggie hat es irgendwie geschafft, ihm gültige Papiere zu verschaffen, und zwar auf den Namen Tim Wilson. Sie wollte wohl vermeiden, dass seine Mutter in aufspürt. Sie hat jedem erzählt, dass er in einem brennenden Haus alles verloren hätte, dass er sogar sein Gedächtnis verloren hätte und nur knapp mit dem Leben davongekommen sei. Die Behörden konnten seine Existenz bei ihren Überprüfungen nicht nachvollziehen. Sie glaubten zunächst, er sei illegal eingewandert. … Tim Wilson muss Timothy St. Williams sein. Maggie Hunter hatte doch diesen Brief an Maria Clement geschickt und ihr mitgeteilt, dass Timothy bei ihr lebte. Wieso hätte sie das tun sollen, wenn es nicht so wäre? Und pass auf: Doris Boyle sagt, dass nach dem Tod ihrer Schwester nie jemand anderes als Tim Wilson bei Maggie gewohnt hat. Hörst du mir überhaupt zu, Harold?“

Sein Blick war reglos auf Miss Hunters Haus gerichtet. „Ja, ich kann dir durchaus folgen.“

„Miss Boyle sagte, er sei still, höflich und immer hilfsbereit gewesen. Sie habe es bedauert, dass er nach Maggies Tod von hier weggezogen sei. So weit so gut. Leider weiß sie nicht wohin er gezogen ist.“ Beverly blätterte in ihrem Notizblock. „Drei Häuser, einschließlich das von Maggie, sind unbewohnt, Mrs. Ryan hatten wir schon, die Nachbarn links neben Doris Boyle wohnen seit etwa vier Jahren hier, die rechts etwa genauso lange. Das drittletzte Haus wird seit einem Jahr von einer Wohngemeinschaft belagert. Miss Boyle ist also die einzige hier, die Maggie noch gekannt hat. Sie hat mir die Adresse des damaligen Hausarztes gegeben. Sie meinte, er würde noch leben. Und? Was meinst du?“

Sands wandte seinen Blick von dem Haus ab, um sie anzusehen. „Ich denke, du hast Recht. Es ist unter diesen Umständen mehr als wahrscheinlich, dass Tim Wilson und Timothy St. Williams ein und dieselbe Person sind. Wir sollten morgen diesen Arzt aufsuchen. Wir sollten auch die Eintragungen bei der Meldebehörde überprüfen. Vielleicht ist dort vermerkt, wo er hingezogen ist. Außerdem sollten wir Kontakt zur Kripo in Coventry aufnehmen.“

„Es war eine gute Entscheidung hierher zu kommen“, schloss Beverly.

Sie saĂźen eine Weile schweigend, betrachteten Maggies baufälliges Haus und die dunklen Wolken, die darĂĽber hinwegzogen. Es war ein schauerlich schöner Anblick. Der Wind zerrte an den Ă„sten der Bäume, die nackt im zitternden Gesträuch standen. Der Rest eines Vorhangs wehte aus einem der oberen Fenster. Sands sah Beverly an, sie nickte. Sie ergriff die Stablampe, die im Seitenfach der TĂĽr lag, und stieg aus. Sie schlĂĽpften durch ein Loch im Zaun und bahnten sich einen Weg durch das schulterhohe GestrĂĽpp. Es war jetzt stĂĽrmisch, erste vereinzelte Regentropfen schlugen  ihnen ins Gesicht. Die HaustĂĽr war verbarrikadiert. Es gab keine Möglichkeit dort einzudringen. Auf der RĂĽckseite fanden sie einen Schacht, in dem eine steile Treppe zu einer TĂĽr hinabfĂĽhrte. Sie stiegen die moosbedeckten Stufen hinab. Die KellertĂĽr lieĂź sich mit sanfter Gewalt und einem unangenehmen Knarren öffnen. Beverly knipste die Stablampe an und folgte Sands in die Dunkelheit. Es roch nach Moder. Sie wollte sich lieber nicht vorstellen, wie viele kleine Augenpaare sie jetzt beobachteten.

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